Pubertät – Im Dialog bleiben

Wie spreche ich mit meinem Teenager?

Plötz­lich sitzt uns am Tisch ein Teen­ager gegen­über, der nur noch wenig an das Kind von gestern erin­nert. Die Tochter findet Mutter und Vater pein­lich, der Sohn bleibt am liebs­ten in seinem Zimmer. Was läuft da ab? Eine kleine Gebrauchs­an­wei­sung, wie Sie und Ihre Kinder die Puber­tät unbe­scha­det über­ste­hen.


Die Kommu­ni­ka­tion mit den Kindern kann in der Puber­tät schwie­rig werden. Eltern empfin­den ihre Teen­ager oft als verschlos­sen, abwei­send, frech oder respekt­los. Wie können Mütter und Väter dennoch mit ihnen im Gespräch bleiben? Zwölf Beispiele geben Aufschluss.

Zum Teenie durch­drin­gen – Chall­enge accepted!

Türen­knal­len, Geschrei, Heul­krämpfe – die Inten­si­tät der Ausein­an­der­set­zun­gen nimmt in der Puber­tät meis­tens zu. Eltern können Jugend­li­che nicht immer mit Samt­hand­schu­hen anfas­sen, d. h. immer nur rück­sichts­voll und sanft bleiben, manch­mal ist auch ange­sagt, Klar­text zu reden. 

Doch zuzu­hö­ren und auf den Teen­ager einzu­ge­hen muss eben­falls Platz haben, denn so bleiben Mütter und Väter mit ihrem Kind im Gespräch.

Dafür ist es wichtig, Vorwürfe und Ermah­nun­gen zu vermei­den und immer wieder mit einer posi­ti­ven Grund­hal­tung aufein­an­der zuzu­ge­hen. Manch­mal können so «echte Dialoge» entste­hen. Dabei will man den anderen nicht von der eigenen Meinung über­zeu­gen, sondern es geht darum, dass beide Gesprächs­part­ner etwas über einan­der und das gemein­same Thema erfah­ren.

Gesprächs­ge­le­gen­hei­ten erken­nen und nutzen

Der Alltag bietet immer wieder Gele­gen­hei­ten für Gesprä­che. Der Klas­si­ker ist das gemein­same Essen – bestehen Sie darauf, dass bei den Mahl­zei­ten die Mobil­te­le­fone (von Alt und Jung) wegge­legt werden.

Aber auch beim Auto­fah­ren, Spazie­ren, Einkau­fen, Kochen, Fuss­ball­match schauen oder Velo­re­pa­rie­ren können tolle Gesprä­che entste­hen. Darüber hinaus ergeben sich Gesprächs­ge­le­gen­hei­ten manch­mal auch zu schein­ba­ren ‚Unzei­ten‘ – zum Beispiel spät nachts. Falls Sie dann noch dafür fit sind, ergrei­fen Sie die Gele­gen­heit!

Respekt­voll kommu­ni­zie­ren

Bei vielen Konflik­ten kann es schwer­fal­len, eine respekt­volle Haltung beizu­be­hal­ten. Leben Sie diese als Eltern dennoch vor, im Gespräch mit den Kindern, mit dem Partner oder der Part­ne­rin, im Freun­des­kreis. So können Sie auch von Ihrem Teen­ager einen respekt­vol­len Umgangs­ton erwar­ten. Drücken Sie aller­dings bei typi­scher Teen­ager-Sprache ab und zu ein Auge zu.

Zwölf Tipps und Tricks

  1. Hören Sie aufmerk­sam zu
    Ein «Mh» oder «Aha» zeigt Ihre Aufmerk­sam­keit. Sie können auch das Gehörte wieder­ho­len und bestä­ti­gen lassen: «Habe ich dich richtig verstan­den …?», «Die Situa­tion ist also…»?
  2. Lassen Sie Ihren Sohn, Ihre Tochter ausre­den
    … auch wenn das nächste Argu­ment «auf der Zunge brennt». Passiert Ihnen öfter, dass Sie andere unter­bre­chen, kann ein dezent ausge­streck­ter Zeige­fin­ger helfen (fast wie in der Schule …). Sie signa­li­sie­ren so, dass Sie etwas sagen möchten, ohne gleich die andere Person zu unter­bre­chen.
  3. Kommu­ni­zie­ren Sie offen und ehrlich
    Denn dies gehört zu einem guten Austausch.
    Ein Beispiel
    Vielleicht sind Sie einmal unsi­cher? «Da weiss ich jetzt gerade auch nicht weiter». Oder Sie merken, Sie haben einen Fehler gemacht? «Es tut mir leid, ich wollte dich heute Morgen nicht anschreien». Ihnen platzt gleich der Kragen? «Jetzt bin ich gerade echt wütend. Ich muss mal kurz raus, um mich zu beru­hi­gen.»
  4. Bleiben Sie klar und stand­haft
    Sagen Sie, was Sie meinen – und meinen Sie, was Sie sagen. Weichen Sie bei Konflikt­the­men nicht aus und vertre­ten Sie Ihren Stand­punkt wenn möglich ruhig. So erkennt Ihr Kind, wo Sie Ihre Grenze setzen und kann sich daran orien­tie­ren.
    Ein Beispiel
    «Ich sehe, dass du knapp bei Kasse bist. Aber trotz­dem bleibt es dabei, dass du deine Handy­rech­nun­gen wie abge­macht selber bezahlst. Wollen wir zusam­men schauen, wie du das finan­zi­ell hinkriegst?»
  5. Spre­chen Sie von sich
    Wie erscheint Ihnen die Situa­tion? Was denken Sie dazu? Welche Gefühle haben Sie dabei?Das ist nicht immer ganz einfach. So finden Sie aber eher heraus, worum es Ihnen wirk­lich geht und treiben Ihr Kind nicht gleich in die Vertei­di­gung.
    Ein Beispiel
    «Ich hatte solche Angst, als du zu spät nach Hause gekom­men bist, weil ich nicht wusste, ob dir was passiert ist. Deshalb ist es mir so wichtig, dass du pünkt­lich heim­kommst.»
  6. Stellen Sie das Verhal­ten in den Vorder­grund
    Sprechen Sie bei Kritik das Verhal­ten des Kindes an, nicht seinen Charak­ter oder seine Person. Kritik anzu­neh­men ist einfa­cher, wenn es um unser Verhal­ten geht, denn dieses können wir ändern. Aus den glei­chen Gründen sollten Sie auch auf zyni­sche Bemer­kun­gen verzich­ten.
    Ein Beispiel
    Statt «Du bist einfach zu faul» besser «Du hast deine Sachen noch nicht gepackt».
  7. Vermei­den Sie pauschale Vorwürfe
    Mit «immer», «nie», «ständig» oder «mal wieder» machen wir zwar unserem Ärger prima Luft und fühlen uns danach besser. Sie helfen aber selten, in einem Gespräch auf eine gemein­same Lösung zu kommen. 
    Ein Beispiel
    Statt «Immer lässt du deinen Dreck im Wohn­zim­mer liegen» besser «Es ist mir wichtig, dass wir ein schönes Wohn­zim­mer haben. Bitte räum auf».
  8. Fragen Sie nach
    So zeigen Sie, dass Sie Ihren Teen­ager ernst nehmen und sich für ihn inter­es­sie­ren. Probie­ren Sie offene Fragen: «Wie war es denn in der Schule?» statt «War es gut in der Schule?». Falls Sie das Gefühl haben, das Kind fühle sich durch die Frage­rei kontrol­liert, können Sie auch einfach Ihr offenes Ohr anbie­ten.
    Ein Beispiel
    «Lass mich wissen, wenn du mir davon erzäh­len möch­test.»
  9. Respek­tie­ren Sie, wenn sich Ihr Kind zurück­zieht
    Obwohl Teen­ager stun­den­lang mit Gleich­alt­ri­gen quat­schen können, wollen sie sich zu Hause nicht immer einbrin­gen. Bei länge­rer Funk­stille müssen Sie viel­leicht fanta­sie­voll werden, um im Austausch zu bleiben. Wie wäre es mit einer kleinen Notiz an den Schul­ruck­sack geklebt oder in den Schuh gesteckt?
  10. Geben Sie kurze und präzise Anwei­sun­gen
    Texten Sie Ihren Teen­ager nicht mit unzäh­li­gen Ermah­nun­gen zu. Formu­lie­ren Sie, was gemacht werden soll, und nicht, was zu unter­las­sen ist. So verste­hen Jugend­li­che besser, was die Eltern von ihnen erwar­ten. Wenige Anwei­sun­gen wirken übri­gens oft mehr als viele auf einmal. Gibt es viel zu erle­di­gen, kann eine Liste helfen.
    Ein Beispiel
    «Bitte räume deine Schuhe in den Schuh­kas­ten» statt «Lass deine Schuhe nicht rumlie­gen!». 
  11. Versu­chen Sie ab und zu, die Situa­tion durch die Augen Ihres Teen­agers zu sehen
    Für einen Perspek­ti­ven­wech­sel helfen manch­mal auch Erin­ne­run­gen an die eigene Jugend­zeit. Diese Jugend­er­leb­nisse eignen sich aber nicht als Argu­mente in einer Ausein­an­der­set­zung und gehören auch nicht als lang­at­mige Erzäh­lun­gen in Unter­hal­tun­gen mit den Teen­agern. 
  12. Sehen Sie auch, was funk­tio­niert
    Ein Lob oder Dank wirkt dabei manch­mal Wunder. Es müssen nicht immer Worte sein. Auch ein Lächeln oder Schul­ter­klop­fen stärkt die Bezie­hung zum Kind und unter­stützt eine posi­tive Kommu­ni­ka­tion. 
Gabriela Leuthard ist Mutter von drei Kindern und leitet die Geschäftsstelle Elternbildung im AJB.

Gabriela Leuthard

Gabriela Leuthard ist Mutter von drei Kindern und leitet die Geschäftsstelle Elternbildung im AJB. Diese sorgt für einen vielfältigen Elternbildungsmarkt und arbeitet mit zahlreichen Anbietern sowie auch mit Eltern zusammen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf feel-ok.ch, der Gesund­heits­platt­form für Jugend­li­che.