Zurück
Familie Lottenbach im Corona-Modus

Corona-Countdown – 3. Tag: Matt

Veröffentlicht am von Reto Zeller

Eine kleine Familie, eine Ausnahmesituation, eine grosse Hoffnung: Familienglück.
Leo Lottenbach (14), 2. Sek, Gymnasialambitionen
Lisa Lottenbach (11), 5. Klasse
Franz Lottenbach (44), Zugsbegleiter auf Kurzarbeit
Jenny Lottenbach (42), Chefsekretärin eines Golfclubs im Homeoffice

Noch zwei Wochen! Damit beginnt die Lottenbach-Saga. Corona stellt die Welt auf den Kopf.  Alles ist anders. Im Globalen werden Wahlen, Bürgerkriege und die Basler Fasnacht abgesagt. Im Kleinräumigen rüttelt es im Gebälk des sonst so prima abgestimmten Mikrokosmos der Lottenbachs. Verfolgen Sie, noch bevor die Tinte trocken ist, die Tagebucheinträge des 14-jährigen Leo in den letzten zwei Wochen vor Schulwiedereröffnung und die ersten Tage danach. Heute geht die Lottenbach-Saga zu Ende.


Als ich gestern vom Spiel nach Hause kam, lag Lisas leere Airpod-Ladehülle auf dem Wohnzimmertisch. Mein Laptop daneben war aufgeklappt, auf Chess24 die Stellung unseres Schachs nach dem Abbruch durch die zwei Bullen. Ich konnte es mir sofort zusammenreimen. Pa hat nicht gefilmt, sondern das Spiel per Facetime nach Hause gestreamt. Und Lisa hat Pa mit Hilfe der Computeranalyse die Bewertung meiner Züge durchgegeben beziehungsweise den entscheidenden Springerzug vorgeschlagen. What a family! Ich schäme mich ein wenig für die kriminelle Energie, die sich in der Coronazeit bei uns breit gemacht hat, inklusive versuchtem Wettbetrug. Wer sonst als Papa wird unter dem Decknamen Kasparow diesen Hunderter auf mich gesetzt haben? Sizilianische Manieren. Ich freu mich trotzdem irgendwie an der Raffinesse, mit der wir Marczek reingelegt haben, oder hätten. Und ich bin sowas von erleichtert, dass die Sache durch ist. Endlich kann ich mich wieder auf andere Sachen konzentrieren, wie zum Beispiel den unbeschreiblichen Abend gestern in Leonies Stall-Loft.

Heute Morgen ist Ma mit Husten und Kopfweh aufgewacht. Vorsichtshalber haben wir sie in den Keller in Selbst-Quarantäne geschickt. Pa ist auch gerade runter, aus Solidarität und ein wenig, weil er sie gestern Abend eh geküsst habe. Die Hausärztin hat gesagt, wenn es bis morgen nicht besser werde, sollen sie sich mindestens eine Woche isolieren. Schöne Aussichten. Sie können da unten schon mal für das Leben nach uns die Selbstständigkeit proben. Lisa und ich planen derweil die Woche im oberen Gebäudetrakt. Wer kauft ein, wer kocht für uns, welche Menüs schicken wir in den Keller, wer lädt wann wen ein, um unserer Bude in Erd- und Obergeschoss nach Ende des Lockdowns wiederzubeleben.

Wir handeln aus, wie lange Lisa täglich Clash of Clans spielen darf, und welche zwei Nächte sie auswärts schlafen soll, so dass ich am einen Abend ungestört Leonie einladen kann, am andern – er hat es angekündigt – will Marczek vorbei kommen. Na ja, soll er. Für die Eltern stellen wir ein Unterhaltungsprogramm zusammen. Die Asterix-Sammlung ist schon unten. Jan hat mir zudem ein langes Ethernet-Kabel vorbeigebracht, um den Internetempfang unten zu stabilisieren, die Schweizer Fahne zu hissen und ihnen Netflix zu abonnieren. Die Opernsängerin hat auch schon zugesagt, einmal von unserer Terrasse her ins offene Kellerfenster zu singen. Und einmal grillieren wir und Lisa und ich werden uns aussen, die Eltern innen ans Kellerfenster setzen, um am gemeinsamen Familientisch die wiedergewonnene Freiheiten zu feiern.

Alles in allem denke ich, haben wir es gut gemacht und sind als Familie, aber auch jeder einzeln einen Schritt weiter gekommen. Ein Experte schreibt heute im «Tages-Anzeiger» in grosser Skepsis über die frühe Öffnung und die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Welle. Von uns aus soll sie nur kommen, ich freu mich fast drauf. Wir sind bereit, gestählt, krisenerprobt, unsere sizilianische Verteidigung steht. Sollen die Viren halt angreifen!


Der Autor: Die Kolumne über den Corona-Alltag der Familie Lottenbach stammt aus der Feder des Kabarettisten und Liedermachers Reto Zeller. Die Erlebnisse der Lottenbachs sind durchaus autobiografisch inspiriert, wie viel davon allerdings auch Fiktion ist, bleibt das Geheimnis des Autors.

Kategorien

Mehr zum Thema