Kindsmisshandlungen nehmen zu

Corona kann familiäre Konflikte befeuern – aber es gibt Hilfe

Ende Januar veröffentlichte Zahlen des Universitäts-Kinderspitals Zürich lassen aufhorchen: Im Corona-Jahr 2020 registrierte das Spital fast 10 Prozent mehr Verdachtsfälle von Kindsmisshandlungen. 592 Verdachtsfälle, davon fast 400 bestätigte Misshandlungen sind die Bilanz, die Fachleute zumindest zum Teil auf Auswirkungen durch Corona-Massnahmen zurückführen. Besonders wichtig ist es darum, dass die Menschen Anlaufstellen kennen, wo sie Hilfe und Beratung finden können.

Dass Corona-Bekämpfungsmassnahmen wie Schulschliessungen, Lockdown und Homeoffice eine Zunahme von häuslicher Gewalt und Kindsmisshandlungen begünstigen könnten, das befürchteten Fachleute bereits letzten Frühling. Inzwischen zeigen die Zahlen, dass diese Befürchtungen zumindest in gewissen Bereichen berechtigt waren: Das Universitäts-Kinderspital Zürich (Kispi) meldet für das Jahr 2020 so viele Verdachtsfälle von Kindsmisshandlung wie noch nie zuvor. 592 Fälle oder fast 10 Prozent mehr als im Vorjahr. In fast 400 Fällen wurde eine Misshandlung bestätigt, in 27 Fällen konnten die Symptome medizinisch erklärt werden und in 168 Fällen blieb der Verdacht bestehen. Diese Zahlen hat das Kispi Ende Januar veröffentlicht, wobei es diese nur als «Spitze des Eisbergs» bezeichnet und von einer viel grösseren Dunkelziffer ausgeht. Die Mehrheit der Fälle, mit denen die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Spitals zu tun hat, sind Fälle von körperlicher oder sexueller Misshandlung.

Laut der Mitteilung des Kispi liegt die Ursache dieses starken Wachstums vermutlich in den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unseren Alltag. Lockdown, Homeoffice und teilweise Schulschliessungen sorgten zuhause und innerhalb der Familien für mehr Stress und Konflikte. Die Belastungen nahmen an verschiedenen Stellen zu und Entlastungen vielen oft weg. Dazu seien wirtschaftliche Sorgen und dadurch ausgelöste Existenzängste weitere Faktoren, die Kindsmisshandlungen verstärkt ausgelöst haben können.

Eine andere Vermutung der Fachleute des Kispi: Weil viel mehr Menschen häufiger Zeit zuhause verbracht haben, wurden Situationen und Konflikte bei Nachbarn verstärkt wahrgenommen. Das könnte bedeuten, dass es nicht zwingend mehr Misshandlungen gab, diese aber mehr erkannt und auch angesprochen und gemeldet wurden.

Dieser letzte Punkt ist entscheidend im Umgang mit Situationen von häuslicher Gewalt und Kindsmisshandlungen: Dass sich Betroffene und Aussenstehende an Stellen wenden, wo sie Hilfe und Beratung finden. Im Kanton Zürich sind zum Beispiel die dezentralen Kinder- und Jugendhilfezentren (kjz) solche Anlaufstellen. Mütter- und Väterberaterinnen, Psychologinnen und Psychologen oder Sozialarbeiterinnen- und arbeiter stehen allen mit Rat und Tat zur Seite, die danach fragen.

Hier finden Sie den Kontakt zu allen Kinder- und Jugendhilfezentren im Kanton Zürich.

Verschiedene Beiträge, die im und nach dem ersten Lockdown im Frühling 2020 auf «fürs Leben gut» erschienen sind, befassen sich ebenfalls mit den Auswirkungen der Corona-Massnahmen auf das Familienleben. Darin finden Sie Tipps, wie Sie mit Stress und Konflikten in der Familie umgehen können: