Zurück
Ein Gespräch über Ängste

Corona kann krank machen – auch ohne Infektion

Veröffentlicht am von Anna Kardos, AJB

Unsere persönliche Freiheit wird durch Corona stark eingeschränkt. Das kann zu Ängsten und Depressionen führen. Ein Gespräch über kleine Fluchten und eine grosse Chance mit Matthias Huber, lic. phil. Psychologe und Leiter Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe im AJB.  

Matthias Huber, wir erleben durch das Coronavirus einen Ausnahmezustand. Was macht das mit uns Menschen?
Matthias Huber: Unsere Gewissheiten gehen verloren, offensichtlich und für alle gleichzeitig. Wir wissen am Abend nicht, was der nächste Tag uns bringt. Insofern ist es eine existenzielle Situation. Eigentlich gehört diese Unsicherheit zum Leben. Aber im Alltag planen wir unter der unausgesprochenen Voraussetzung, dass alles bleibt wie bisher.

In Italien, wo eine Ausgangssperre verhängt wurde, gibt es offenbar Menschen, die nun mehrmals täglich einkaufen gehen. Auch Rentner in der Schweiz gehen wider besseres Wissen einkaufen. Was treibt sie an?
Durch die massiven Einschränkungen wird unser Wertesystem in Frage gestellt. Ich habe auch von älteren Menschen gehört, die sagen: Ich weiss nicht, wie lange ich noch zu leben habe. Aber ich weiss, dass ich diese Zeit nicht ohne meine Enkel verbringen möchte – ein sehr schönes Motiv! Allerdings glaube ich, in der Schweiz ist es gelungen, den Sinn der Massnahmen sichtbar zu machen: Dass es darum geht, die Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Nicht darum, Menschen einzuschränken.

Über sich selbst bestimmen zu können, ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen

Trotzdem: Sogar Menschen, die normalerweise gern zu Hause sind, fühlen sich plötzlich wie eingesperrt. Schlägt unsere Psyche uns ein Schnippchen: Wir wollen nicht, was wir müssen?
Genau. Nicht selber über sich bestimmen zu können, läuft einem grundlegenden menschlichen Bedürfnis entgegen. Je nachdem, wie ausgeprägt das Autonomiebedürfnis eines Menschen ist, empfindet er oder sie das als einschneidender.

Was kann gegen Eingesperrtheits-Gefühle helfen?
Ich möchte kurz ausholen: Der Verlust an persönlicher Freiheit kann zu einem Gefühl von Ausgeliefertsein führen. Das löst oft Ängste aus. Angst entsteht aus der Vorwegnahme der Zukunft, in Kombination mit dem Gefühl, nichts tun zu können. Und da können wir einhaken: Alles, was diesen beiden Gefühlen entgegenwirkt, ist hilfreich. Es geht darum zu schauen: Was tut mir gut, wo fühle ich mich wohl in der Wohnung? Dass man versucht, kleine Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und auch um zu setzen: Ich wollte schon lange mal wieder ein Buch lesen. Solche Handlungsspielräume im Moment zu öffnen, wirkt einem Gefühl des Ausgeliefertseins entgegen.

Es gibt viele Menschen, die in dieser Zeit um ihren Job bangen, Freischaffende haben keine Aufträge mehr.
Da muss man unterscheiden. Es gibt Einschränkungen, die wir jetzt alle erleben. Solange wir gute Ressourcen haben, können wird das durchstehen. Doch wenn die Existenzsicherung nicht mehr sichergestellt ist, oder andere persönliche Schicksalsschläge dazukommen, kann dies das Familienleben sehr stark belasten. In so einer Situation sollte man sich nicht scheuen Hilfe zu suchen. Es gibt Beratungsangebote! Die kjz sind auch in dieser Zeit vollumfänglich für die Familien da, meistens in Form von Videoberatungen.

«Wer täglich Video-Kontakt hat, zeigt weniger Depressionssymptome»

Schlittert man zu Hause schneller in eine Depression?
Das ist ziemlich gut belegt. Wer Kontakte pflegt, hat bessere Chancen gesund zu bleiben. Das Problem an depressiven Entwicklungen ist, dass sie oft wie eine Abwärtsspirale wirken. Weil man sich schlecht fühlt, hat man keine Lust jemanden zu kontaktieren, wodurch man sich wiederum schlecht fühlt… Hier ist das Umfeld gefragt: Regelmässig anrufen kann sehr stützend sein. Es gibt aus China Untersuchungen, dass Menschen, die täglich über Video Kontakt haben, deutlich weniger Depressionssymptome zeigen.

Auch viele Kinder sind momentan ausser Rand und Band. Grönland hat sogar präventiv ein Alkoholverbot eingeführt, um Gewalt gegen Kinder zu mindern.
Wir gehen leider davon aus, dass Spannungen in der Familie steigen werden. Dies ist auch einer der grossen Treiber hinter all den Bemühungen des AJB, gerade in dieser Zeit sehr aktiv auf die Familien zuzugehen und mit verschiedensten Angeboten präventiv tätig zu sein. Was Grönland betrifft: Alkohol wirkt enthemmend und fördert tatsächlich Gewalt, wenn schon eine Gewaltbereitschaft vorhanden ist.

«Homeoffice ist mit der Betreuung von kleinen Kindern nicht vereinbar»

Auch hierzulande stossen wir momentan an die eigenen Grenzen, gerade wenn man im Homeoffice arbeitet und kleinere Kinder hat. Diese verstehen nicht, dass Mama oder Papa real da ist, aber mit dem Kopf in der Arbeit.
Es ist grundsätzlich ein Problem, dass Homeoffice mit der Betreuung von Kindern unter etwa acht Jahren nicht vereinbar ist. Die Kinder denken: Mama oder Papa ist ja da! Sie können ihre Bedürfnisse nicht derart aufschieben, oder sie verstehen es als Zurückweisung, wenn man sich ihnen nicht zuwendet. Für die Eltern ist das ein ständiges Improvisieren. Wenn von Arbeitnehmern verlangt wird, dies zu leisten, stellt sich schon die Frage, wie dies mit der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers zu vereinbaren ist.

Zurzeit erleben wir zwischen wildfremden Menschen Herzlichkeit und Solidarität, aber auch Leute, die sich in einer losen Warteschlage zwischen die Wartenden drängen …
Wenn Menschen stark unter Druck stehen, reagieren sie mit einem Rückfall auf ursprüngliche, „primitivere“ Bewältigungsmechanismen. Oft in Abhängigkeit davon, wie es zum Beispiel die Eltern ihnen vorgelebt haben. Dies führt wahrscheinlich zu diesem unterschiedlichen Verhalten. Dabei sind Zusammenhalten und sich für den anderen interessieren meines Erachtens etwas vom Besten gegen Ängste. Ebenso, sich immer wieder die Frage zu stellen: Was kann ich für die Welt tun? Anstatt: Was habe ich von der Welt zu gut?

Schon Winston Churchill soll gesagt haben: Never miss a good crisis.
Da hat Churchill einen wichtigen Satz gesagt, weil durch die jetzige Erschütterung alle Menschen neue Erfahrungen machen. Wir können uns fragen: Was machen wir für Entdeckungen, welche Werte werden uns wichtig? Und wie nachhaltig können wir das umsetzen? Aus meiner Sicht ist das eine der ganz grossen Chancen, die jetzt offen stehen.


Matthias Huber leitet den Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe im AJB und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Nach seinem Universitätsabschluss in Psychologie, Psychopathologie und Philosophie an der Universität Zürich arbeitete er viele Jahre im Bereich Suchtberatung und -prävention. Ab 2009 leitete er das Zentrum Breitenstein in Andelfingen (Sozialzentrum sowie Kinder- und Jugendhilfezentrum).

Einen Austausch mit anderen betroffenen Personen ermöglichen die Selbsthilfegruppen von Selbsthilfe Schweiz oder die Austausch-Plattform inCLOUsiv von Pro Mente Sana.

Kategorien

Mehr zum Thema