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Elternbildungstag: «Mental Load»

Familien zu managen, ist ein Rund-um-die-Uhr-Job

Veröffentlicht am von Oliver Fischer

Sechs Workshops finden am 20. Juni anlässlich des Elternbildungstags statt. Einer davon dreht sich um das Thema der «Mental Load». Bei Mental Load geht es ums Familien-Management und um die Denkleistung, die Eltern erbringen, um ihren Alltag zwischen Arbeit, Haushalt und Erziehung zu organisieren. Meistens erbringen die Frauen diese Denkleistung.

«Nicht für die Schule, für das Leben lernt man» – Das sagt man gerne einmal Kindern und vor allem Jugendlichen, wenn sie wieder einmal den Sinn hinter einem Schulfach oder einer Prüfung nicht einsehen wollen. So richtig versteht man das aber wohl erst, wenn man die Schule längst hinter sich gelassen hat und man merkt, was man fürs Leben noch so alles lernen muss.

Eine besonders steile Lernkurve müssen Mann und Frau hinlegen, wenn sie Eltern werden. Denn Kinder lernen schnell und damit sie da mithalten können, müssen Eltern sich sputen. Ein Ort, oder besser eine Veranstaltung, die genau dabei hilft, ist der Elternbildungstag.

In Zeiten von Corona findet dieser in diesem Jahr virtuell als reine Online-Veranstaltung statt. Sechs Workshops stehen im Angebot. Wie sehr sich Eltern offensichtlich bewusst sind, dass es für sie in allen Entwicklungsphasen ihrer Kinder Lernfelder gibt, zeigt die grosse Zahl der Anmeldungen. Einige Workshops sind bereits ausgebucht, in anderen gibt es noch Plätze – und weil man ja bekanntlich nie ausgelernt hat, findet auch nächstes Jahr wieder ein Elternbildungstag statt, am 19. Juni 2021 in der Alten Kaserne Winterthur.

Ständig denken, ständig planen, ständig «unter Strom»

Einer, der gut gebuchten Workshops befasst sich mit dem Thema der so genannten «Mental Load». Eltern planen konstant: Znüni, Kinder wecken, Einkaufsliste, zu kleine Gummistiefel, Arzttermine. Alles dreht sich im Kopf. Es ist diese Denkarbeit, eben «Mental Load» genannt, die Mütter und Väter im Alltag «unter Strom» stehen lässt.

Der Workshop wird geleitet von Dr. Filomena Sabatella, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften (ZHAW) in Zürich. Im Vorfeld des Elternbildungstages – und für alle jene, die nicht mehr daran teilnehmen können – hat sie einige Punkte zum Thema «Mental Load» ausgeführt und Fragestellungen aufgeworfen:

  • «Bei Mental Load geht es nicht darum, wer die Arbeit macht, sondern wer daran denkt, diese zu machen. Es ist schwierig, die eigene Mental Load abzugeben oder sie jemandem zu übertragen. Mental Load gehört und bleibt bei dir. Selbst wenn ein Partner zum Beispiel ein Kind zu einem Arzttermin bringt, war es in der Regel die Partnerin, die den Arzt aussucht, den Termin bucht, dem Partner sagt, wohin er gehen soll, die Gesundheitsbücher bereit hält und die Impfausweise ausfindig macht.»
  • «Die Mental Load scheint primär Frauen respektive Mütter zu belasten. Anscheinend ‹sehen Männer das Problem nicht›. Sie wollen klare Aufträge. Aber die müssen erdacht und formuliert werden, Optionen müssen abgewogen und Entscheidungen getroffen werden. Erst dann kann es einen Auftrag geben. Die Frage bleibt, ob das Problem gelöst ist, wenn Paare nur auf Anweisungen funktionieren. Führt dies nicht zu einer Asymmetrie in der Beziehung?»
  • «Häufig wird als Lösung für Mental Load angegeben, dass man akzeptieren soll, wenn die Ausführung einer Aufgabe in Zeit und Form anders ist. Ich frage mich jedoch, ob dies wirklich der Kern des Problems ist? Bei unwichtigen, nicht dringenden Aufgaben, da können die meisten loslassen. Aber wie sieht es aus wenn es eilt? Reicht da loslassen?»
  • «Die Belastung durch Mental Load ist konstant, unter-anerkannt, unbezahlt – und sie fällt unverhältnismässig stark auf Frauen, was ihre Fähigkeit einschränkt, sich auf ihre Karriere oder sich selbst zu konzentrieren.»

Dr. Sabatella hat die Thematik der Mental Load in diesen vier Punkten umrissen. Sie gibt dazu auch einen möglichen Ansatzpunkt, wie Paare dieses Thema angehen können:

  • «Das Problem quantifizieren und offen kommunizieren. Weder Frauen noch Männer wissen genau, wie viel Zeit in ‹unsichtbare› Aufgaben investiert wird. Ein erster Schritt ist also, diese zu quantifizieren und somit sichtbar zu machen. Man kann nur verändern, was gemessen wird. Danach können Aufgaben zugewiesen werden, wobei es nicht darum geht, dass Männer ausführen und Frauen delegieren, sondern vielmehr geht es darum, die Verantwortung fürs Daran-Denken zu teilen. Dies impliziert auch, dass Frauen komplett von Aufgaben zurücktreten müssen.»

Wer sich nun für die Angebote des Elternbildungstages interessiert und sich einen der noch freien Plätze in einem Workshop sichern will, kann sich Online informieren und anmelden. Noch sind rund 30 der total 180 Plätze verfügbar – noch. Plätze gibt es noch in den Workshops zu den Themen Trauer und Umgang mit/nach Corona.


Dr. Filomena Sabatella ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) am Institut für Angewandte Psychologie und Mitglied der Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehören Prävention und Früherkennung psychischer Störungen bei Jugendlichen, Supported Employment und Job Coaching sowie Neuropsychologie.

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