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Interview mit Elternbildnerin Dora Marti

Gut strukturiert ist halb gewonnen

Veröffentlicht am von Anna Kardos, AJB

Kein Präsenzunterricht, keine Pausenglocke! Was nach Freiheit tönt, kann zur Überforderung werden. Elternbildnerin Dora Marti weiss ein Mittel dagegen: Strukturen. Sie geben Halt und Sicherheit.

Dora Marti, man hört und liest jetzt viel über Strukturen. Was ist das: Strukturen?
Dora Marti: Das sind Leitlinien, die wir vorgeben, damit wir uns an ihnen orientieren können. Strukturen geben uns Sicherheit, weil wir wissen, was auf uns zukommt.

Weshalb sind Strukturen gerade für Kinder so wichtig? Kinder haben ja ein anderes Zeitempfinden, vergessen im Spiel die Zeit.

«Kinder dürfen und sollen wissen, was auf sie zukommt»

Die Kinder dürfen und sollen wissen, was auf sie zukommt. Durch die Schule oder sonstige Aktivitäten im Alltag bekommen sie eine Struktur. Diese geht jetzt verloren. Wenn man nun als Eltern den Kindern keine Struktur vorgibt und sie so schön am Spielen sind, merkt man vielleicht erst am Nachmittag, dass noch alles gemacht werden muss. Das kann schwierig werden. Es kann zu Konflikten kommen.

Woran liegt es, dass es bei manchen Kindern mit dem Aufstehen, Frühstücken und sich an die Aufgaben setzen klappt – und bei anderen jeder Punkt zum Kampf wird?
Einerseits gibt es Kinder, welchen die Anpassung an äussere Anforderungen leichter fällt, andere hadern mehr damit. Das hat mit unterschiedlichen Persönlichkeiten zu tun. Andererseits ist es aber auch wichtig, dass die Eltern sich zuerst selber überlegen: Was wollen wir von diesem Tag? Wann essen wir Frühstück, ist Papa verantwortlich und Mama arbeitet währenddessen? Die Eltern sind sehr stark gefordert, zu wissen: Was wollen wir eigentlich damit erreichen? Denn wenn ich selber nicht weiss, was ich will, dann kann ich dem Kind keine Struktur vorgeben.

Manchmal schafft ein Rahmen zusätzlichen Stress – etwa, wenn die Kinder sich verweigern…
Grundsätzlich kann man auch mal flexibel sein mit dem Plan. Zum Beispiel, wenn man merkt: Heute geht einfach nichts. Oder das Wetter wird nachher schlecht. Oder man braucht eine Pause.

Ist es besser, wenn jeder Tag ähnlich abläuft? Oder soll jeder anders aufgebaut sein?

«Als Eltern befürchten wir, es werde langweilig. Aber es gibt Sicherheit»

Damit die Kinder den Tag verstehen, würde ich es immer ähnlich machen. Auch die Schule beginnt immer zur gleichen Zeit. Als Eltern befürchten wir manchmal, es werde langweilig. Aber man muss keine Angst haben: Es gibt Sicherheit.

Viele Eltern vermissen in diesen Zeiten die Schulglocke. Diese läutet und das Kind rennt los. Sie sagt nicht: Ich sehe, dass du dich beeilst, also läute ich zwei Minuten später. Als Eltern verhält man sich anders, vieles wird zur Verhandlungsmasse.

Darum ist es wichtig, dass man mit dem Kind über den Rollentausch spricht: Ich bin deine Mutter. Aber jetzt machen wir gemeinsam Schule, und ich möchte, dass wir um 9 Uhr beginnen. Die Eltern können beim Kind nachfragen, welche Unterstützung es braucht, damit man pünktlich beginnen kann, zum Beispiel 5 Minuten vorher erinnern, Musik laufen lassen… Kinder können in der Regel sehr gut darüber Auskunft geben.

Welchen Tipp würden Sie als Fachperson geben?

«Wir haben im Wohnzimmer eine grosse Uhr aufgestellt»

Wir haben zum Beispiel im Wohnzimmer eine grosse Uhr aufgestellt. Wenn wir nun sagen: Um 9 Uhr machen wir weiter, können das anhand der Uhr alle überprüfen – auch wann die Aufgabe zu Ende ist. Die Uhr kann eine Struktur vorgeben und hilft, diese zu visualisieren.

Aber ohne den Druck einer Schulglocke?
Diesen Druck hat das Kind zu Hause nicht, was schön ist. Als Eltern sollte man auch vorher ankündigen, wenn etwas Neues kommt. Dann kann sich das Kind darauf vorbereiten. Gerade kleinere Kinder vergessen sich im Spiel. Wenn man dann sagt: So, jetzt aber hopp! Kann es sein, dass es zu Widerstand kommt.

Für Eltern, die im Homeoffice arbeiten – oder noch andere Kinder betreuen müssen. Gibt es zwei, drei Grundsätze, an die man sich halten kann?

«Hausaufgaben sind auch im Normalfall Konfliktpunkt Nummer eins»

Wichtig ist, dass man sich überlegt: Wann habe ich ein wichtiges Telefonat, wann muss ich arbeiten? Und das so einplant und mit den Kindern bespricht. Zweitens sind Hausaufgaben auch im normalen Alltag oft Konfliktpunkt Nummer eins in den Familien. Wenn man jetzt merkt, dass es nicht geht, sollte man nicht zu fest in die Rolle einer Lehrperson hineingehen. Sondern eine andere Person zuziehen. Vielleicht eine Tante, die etwas via Skype oder Zoom erklären kann. Auch die Lehrpersonen sind offen dafür. Das betonen sie immer wieder.

Stichwort Lehrpersonen: Sie erklären den Kindern normalerweise den Schulstoff. Was soll man tun, wenn man als Eltern nicht sicher ist in Mathe oder Englisch?
Dann ist die Schule immer noch für die Kinder da. Die Lehrpersonen sind am Arbeiten und schätzen es sicher, wenigstens ab und zu den Kontakt zu den Kindern zu haben. Und: in diesen Wochen geht es vor allem darum, dass die Kinder das Gelernte zuhause festigen und nicht, dass Eltern die Kinder in neue Themen einführen.

Viele Eltern sind verunsichert, was Schule zu Hause an zeitlichem Aufwand bedeutet. Gibt es Richtwerte, wie viel eine Erstklässlerin täglich arbeiten soll, wieviel ein Sechstklässler?

«Lieber weniger machen, aber das richtig»

Meist gibt die Schule feste Zeiten vor: Eine halbe Stunde Mathe, 2-3 Seiten Lesen. Falls das nicht der Fall ist oder falls das Kind bei den vorgegebenen Zeiten wenig erledigen kann, würde ich bei der Lehrperson nachfragen. Die kann das am besten beurteilen und kann mit einem Tipp oder Hinweis unterstützen. Ich würde mich an diese Zeiten halten und kein Kind pushen, indem man die Zeiten verlängert. Lieber weniger machen, dafür richtig.

Wenn es für die Eltern viel Stress bedeutet, Strukturen zu vermitteln, kann man den Tag nicht einfach mal fliessen lassen?
Dann könnte man auch nichts sagen, wenn das Kind nicht in die Schule geht.  Es ist die Pflicht des Kindes, den Schulstoff zu lösen, weil es eine Schülerin oder ein Schüler ist. Aber ich finde es wichtig, dass es am Wochenende nichts tun muss und dass die Eltern offen und flexibel bleiben (siehe oben). Und: Es ist sehr wichtig mit den Kindern zu sprechen: Was ist Dir gut gelungen? Als Eltern soll man eine gezielte Rückmeldung geben. Das kann etwas Kleines sein. Es hat aber grosse Wirkung bei den Kindern auf ihre Selbstwirksamkeit.


Dora Marti, Elternbildnerin, Amt für Jugend und Berufsberatung

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