16 Tage gegen Gewalt an Frauen*

Gewalt in der Beziehung – wie ich mich als Frau verhalten kann

Gewalt in der Beziehung ist kein Randthema. Allein im Kanton Zürich rücken Polizeikräfte durchschnittlich 13-mal pro Tag wegen familiärer Streitereien oder häuslicher Gewalt aus. Wie kann ich mich als Betroffene verhalten? Dieser Beitrag gibt Orientierung für drei mögliche Situationen.

Situation 1
Ich wurde gerade geschlagen.

Was sage ich:

  • Ich gehe nicht auf Streit oder Provokationen ein, um weitere Gewalt zu verhindern.
  • Ich sage nicht, wenn ich an einen sicheren Ort gehen will oder die Polizei anrufen werde. Mein Partner könnte mich sonst daran hindern, mir den Fluchtweg versperren, mein Handy wegnehmen oder den Ort herausfinden.
  • Wenn ich nicht fliehen kann, kann es helfen, wenn ich weiss, wie mein Partner funktioniert. Vielleicht spreche ich nur noch über Alltägliches oder ich schweige, damit er sich beruhigt und ich mich danach in Sicherheit bringen kann.

Was tue ich:

  • Ich weiss, dass die Polizei (Tel. 117) kommt, wenn ich Hilfe benötige. Sie kann den Partner aus der Wohnung weisen und ein Kontakt- und Rayonverbot aussprechen (Gewaltschutzgesetz).
  • Ich schäme mich nicht für die erlittene Gewalt und erzähle anderen, was mein Partner mit mir macht. Ich weiss, dass jede fünfte Frau von Gewalt in der Partnerschaft betroffen ist. Dieses Wissen gibt mir den Mut, darüber zu reden.
  • Ich fotografiere Gewaltspuren an meinem Körper und speichere das Foto sicher ab (d. h. ich schicke es einer Freundin oder der Nachbarin und lösche es danach, auch im Ordner Gesendete Fotos.).
  • Ich suche ein Spital oder eine Arztpraxis auf. Ich sage, was passiert ist, lasse mir helfen und bitte um eine gute Dokumentation.
  • Ich hole mir fachliche Hilfe (z. B. kostenlose und vertrauliche Beratung bei der Opferberatungsstelle, Schutz in einem Frauenhaus, Rechtsberatung).
  • Ich weiss, dass häusliche Gewalt keine Privatsache ist und dass ich rechtliche Möglichkeiten habe.

Und meine Kinder:

  • Ich sage meinen Kindern, dass sie nicht Schuld an der Gewalt haben.
  • Ich sage meinen Kindern, dass ich die Verantwortung dafür trage, in der Notsituation zu handeln.
  • Ich sage meinen Kindern, dass ich mir Hilfe organisiert habe und Unterstützung bekomme.
  • Ich sage meinen Kindern, bei wem sie sich in Sicherheit bringen können, wenn es das nächste Mal passiert.
  • Ich informiere diese Leute darüber, dass meine Kinder in diesem Fall zu ihnen kommen werden.
  • Ich nehme die Fragen meiner Kinder ernst und beantworte sie altersgerecht.
  • Wenn sie nach der Gewalt fragen, leugne ich nicht, dass der Papa der Mama «weh getan» hat.
  • Ich spreche so ruhig und sachlich wie möglich. So verhindere ich bei meinen Kindern Loyalitätskonflikte.
  • Ich informiere Lehrpersonen oder andere Bezugspersonen meiner Kinder über die Situation, damit sie Verständnis zeigen und gut für sie sorgen können. Ich erkläre auch meinen Kindern, dass ich das gemacht habe.
  • Wenn der Täter gemäss dem Gewaltschutzgesetz weggewiesen wurde, erkläre ich meinen Kindern, dass ihr Vater die nächste Zeit nicht nach Hause kommt und weshalb.

Etwas später:

  • Ich suche mir eine Vertraute an meinem Wohnort (z. B. meine Nachbarin), die die Polizei ruft, wenn sie Schreie hört, und zu der ich flüchten kann. Sie hilft mir, die nächsten Schritte einzuleiten (z. B. die Polizei rufen, Anzeige erstatten).
  • Ich sichere alle wichtigen Telefonnummern auf meinem Handy. Wenn nötig, gebe ich den Nummern andere Namen, z. B. den Namen des Schulhauses oder einer alten Freundin.
  • Ich versorge Waffen und Gegenstände, die als Waffen benutzt werden können (wie Küchenmesser), an einem verschliessbaren oder unzugänglichen Ort.
  • Ich bringe die Waffe meines Partners ins Zeughaus oder ich informiere die Polizei über den Waffenbesitz.
  • Ich pflege weiterhin Kontakte zu Nachbarn, Verwandten, Freundinnen usw.
  • Wenn mein Partner droht, sich bei meinem Arbeitsort zu melden, dann informiere ich meinen Arbeitgeber oder eine vertraute Person am Arbeitsplatz. Diese hilft mir, wenn der Täter auftaucht, mich abpasst oder mich dort schlecht macht.
  • Ich weiss, dass es kostenlose Opferberatungsstellen für Kinder und deren Eltern gibt. Da suche ich mir Rat für den weiteren Umgang mit meinen Kindern.

Situation 2
Kinder kriegen die Gewaltszene direkt mit.

Was sage ich:

  • Ich sage meinen Kindern, dass sie sich aus der Gewalt zwischen mir und meinem Partner heraushalten sollen.
  • Ich weise meine Kinder an, zu den Nachbarn zu gehen, denen ich mich wenn möglich davor anvertraut habe.
  • Ich beruhige meine Kinder, indem ich ihnen sage, dass sie weder verantwortlich, noch Schuld sind.
  • Ich spreche danach mit meinen Kindern über die Situation wie in Situation 1.

Situation 3
Ich werde vermutlich demnächst geschlagen. Meine Kinder sind auch zuhause.

Was sage ich:

  • Ich gehe nicht auf Streit oder Provokationen ein.
  • Ich schlage vor, dass wir für eine Weile auseinandergehen, um das Problem später in Ruhe zu lösen.
  • Ich sage nicht, wenn ich an einen sicheren Ort gehen will oder die Polizei anrufen werde. Mein Partner könnte mich sonst daran hindern, mir den Fluchtweg versperren, mein Handy wegnehmen oder den Ort herausfinden.
  • Wenn ich nicht fliehen kann, kann es helfen, wenn ich weiss, wie mein Partner funktioniert. Vielleicht spreche ich nur noch über Alltägliches oder ich schweige, damit er sich beruhigt und ich mich danach in Sicherheit bringen kann.

Was tue ich:

  • Ich verlasse die Wohnung; lieber einmal zu oft als einmal zu wenig.
  • Ich rufe die Polizei (Tel. 117); lieber einmal zu oft als einmal zu wenig.
  • Ich weise meine Kinder vorsorglich an, an einen sicheren Ort zu gehen, z. B. zu den Nachbarn. Falls sie die Wohnung nicht verlassen können, sollen sie möglichst wenig von der Gewalt mitbekommen. Ich schicke sie z. B. in ihr Zimmer und sage ihnen, dass ich mich gleich wieder um sie kümmern werde.
  • Ich gehe mit zu meinen Nachbarn; lieber einmal zu oft als einmal zu wenig.
  • Ich ziehe mein Halstuch oder lange Halsketten, mit denen ich gewürgt werden könnte, aus und verstecke diese Gegenstände.
  • Wenn ich nicht flüchten kann, weil mich mein Partner z. B. einsperrt oder mir den Weg versperrt, mache ich Lärm (schreien, Fenster öffnen und um Hilfe schreien), damit man mich hört und mir hilft.
  • Ich habe die Telefonnummern für Hilfe immer auf meinem Handy gespeichert (BIF, Frauenhaus, Nachbarn, Freundin usw.), wenn nötig unter einem anderen Namen, z. B. den Namen des Schulhauses oder einer alten Freundin.
  • Ich habe bereits eine Tasche gepackt für mich und die Kinder mit den wichtigsten Sachen (Papiere, Bankkarte) und mit Kleidern für ein paar Tage.

Und meine Kinder:

  • Ich sage meinen Kindern nicht im Voraus, dass wir ins Frauenhaus oder an einen anderen sicheren Ort gehen. So belaste ich sie nicht unnötig und vermeide, dass sie ihrem Vater gegenüber etwas sagen oder sich verplappern.
  • Mir ist bewusst, dass meine Kinder viel mitbekommen. Auch wenn sie nicht sehen, was passiert. Entsprechend sorgfältig handle ich im Nachhinein.

Die Handlungsorientierungen wurden in Zusammenarbeit mit der BIF Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft erstellt. Die BIF ist eine vom Kanton Zürich gemäss Opferhilfegesetz anerkannte Beratungsstelle.