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Lernort Familie

Hausaufgaben machen will gelernt sein – 12 Szenarien (Teil 2)

Der Übergang in die erste Klasse bringt für Kinder und Eltern viel Neues mit sich. Etwa die Hausaufgaben. Nicht alle Kinder können von Anfang an gleich gut mit dieser neuen Aufgabe umgehen. Lernexperte Fabian Grolimund gibt Tipps für mögliche Szenarien, die sich nach Ankunft im Schulalltag zuhause abspielen können. 

Szenario 7: Theo denkt einfach nicht dran

Ich wollte mein Kind seinen eigenen Weg finden lassen, mit den Hausaufgaben klar zu kommen. Deshalb habe ich es von Schulbeginn an selber machen lassen und nicht mitgeredet. Leider funktioniert das aber nicht mit der Selbstständigkeit. Die Hausaufgaben gehen oft vergessen. Wie lange soll ich noch zusehen, bevor ich mitrede?
Fabian Grolimund: Kinder werden meist nicht selbständig, indem man sie einfach sich selbst überlässt. Fragen Sie sich stattdessen, wie eine Hilfe zur Selbsthilfe aussehen könnte. Wie könnte es Ihrem Kind gelingen, an die Hausaufgaben zu denken? Wie könnte es sich selbst daran erinnern? Wie könnten Sie Ihrem Kind gegenüber Ihre Wertschätzung ausdrücken und es auf Gelungenes hinweisen, wenn es geklappt hat?

Szenario 8: Hätte Lorian doch nur Hausaufgaben!

Mein Sohn Lorian (7) erhält von seiner Lehrperson keine Hausaufgaben. Ich finde das schade. In meinen Augen braucht er die Übung und Wiederholung. Ist es empfehlenswert, ihm selber die zehn Minuten Hausaufgaben pro Tag zusammenzustellen?
Falls Ihr Kind eine Lernschwäche hat, kann das sinnvoll sein. Es muss allerdings sehr gut begleitet werden. Normalerweise führt so etwas aber nur zu Schulfrust und demotiviert die Kinder. Was Sie tun können: Bauen Sie das Gelernte spielerisch in den Alltag ein. Lesen Sie gemeinsam – zuerst Buchstaben, dann Wörter und schliesslich Sätze – auf Plakatwänden, beim Einkaufen, am Abend im Bett. Spielen Sie ein Kartenspiel und lassen Sie ihn die Karten zusammenzählen. Zeigen Sie Ihre Freude, dass er das nun kann.

Szenario 9: Am Abend liegen unsere Nerven blank

Unser Sohn Julian (7) macht überhaupt nicht gerne Hausaufgaben. Mein Mann und ich sind beide berufstätig, weshalb unsere Nerven jeweils auch schneller blank liegen nach der Arbeit. Das führt fast jeden Abend zu Streit. Wir wollten auch schon auf den Morgen ausweichen, aber da ist Julian zu müde und unkonzentriert. Das Pensum zu reduzieren geht für uns beide nicht. Was können wir tun, damit die Abende für uns alle wieder entspannter werden?
Es ist hilfreich, wenn Sie sich bewusst machen, dass es Julian genau gleich geht wie Ihnen. Auch er muss nach einem langen Tag nochmals ran und etwas tun, das er nicht mag. Sprechen Sie das ruhig an: «Wir sind gerade beide müde und haben keine Lust. Wie könnten wir uns die Hausaufgaben etwas schöner machen? Wollen wir uns etwas zu knabbern holen, ein wenig Musik dazu hören? Was würde es uns leichter machen? Und wie werden wir zu einem besseren Team?» Falls Sie sich ärgern: Brechen Sie die Hausaufgaben ab mit den Worten «Jetzt fängt es uns an zu stressen. Wir wollen uns nicht wegen der Hausaufgaben streiten.» Ihre Beziehung zu Ihrem Kind ist wichtiger, als dass jedes Arbeitsblatt fertig wird. Ihr Sohn kann es dann immer noch morgens vor der Schule versuchen, wenn es am Abend nicht geklappt hat, und auch einmal ohne Hausaufgaben zur Schule gehen.

Szenario 10: Amira arbeitet so schludrig!

Meine Tochter Amira (7) macht zwar Hausaufgaben, ihre Darstellung ist allerdings schrecklich unsauber. Meine Hinweise machen sie jedoch nur wütend. Liege ich falsch, wenn ich sie zu mehr Sauberkeit anregen will? Lernt man so etwas nicht zu Beginn oder gar nicht mehr?
Für Kinder ist die Lehrperson in diesem Bereich die Autorität. Solange diese mit der Schrift einverstanden ist, kommen Sie als Eltern mit Ihrer Forderung nicht durch. Meist wird das Schriftbild mit der Zeit sauberer, auch wenn heute deutlich weniger in eine schöne Schrift investiert wird als früher. Wenn Sie Ihrer Tochter damit ständig in den Ohren liegen, wird sie wahrscheinlich nicht schöner schreiben – aber es könnte ihr bald verleiden.

Szenario 11: Samuel löst nur Mathe

Mein Sohn Samuel (7) liebt Mathe und hasst Deutsch. So löst er jeweils auch nur seine Mathehausaufgaben. Weder mit Druck noch ohne Druck ändert sich daran etwas. Was können wir tun?
Hier stellt sich die Frage, wie stark dies ins Gewicht fällt. Wie reagiert die Lehrperson auf nicht gemachte Hausaufgaben? Kommt Ihr Sohn im Deutschunterricht mit und es stinkt ihm einfach oder hat er gravierende Lücken und ist überfordert? Je nachdem müsste sehr unterschiedlich reagieren werden.

Szenario 12: Getrennte Eltern, getrennte Sitten

Mein Mann und ich leben getrennt. Seit mein Mann unserer Tochter jeweils kleine Belohnungen für das Hausaufgabenmachen verspricht, wenn sie bei ihm ist, löst sie bei mir keine Aufgabe mehr einfach so. Wie kann ich ihr erklären, dass sie die Aufgaben nur für sich selber löst?
Das können Sie leider schlecht mir Ihrer Tochter lösen. Die Belohnungen Ihres Mannes motivieren sie zusätzlich, wenn sie bei ihm ist, wirken aber wie eine Strafe, wenn sie diese bei Ihnen nicht bekommt. Es bleibt Ihnen nur, entweder den Frust Ihrer Tochter auszuhalten, dass bei Ihnen andere Regeln gelten, oder mit Ihrem Mann einen Konsens zu finden.


Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Clever lernen», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Lotte, träumst du schon wieder?»). Gemeinsam mit Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Mehr erfahren Sie hier: www.mit-kindern-lernen.ch

Elternbildung CH: Infografik mit Dos und Dont’s für eine liebevolle Hausaufgabenbegleitung, welche die Selbstständigkeit der Kinder fördert.

 

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