Zusammenleben zu Coronazeiten

Homeoffice in der Krachmacherstrasse

Das Coronavirus stellt den Alltag vieler Eltern auf den Kopf. Die Kinder- und Jugendhilfezentren (kjz) bieten Beratung und Hilfe.

Katze Josephine schnurrt genüsslich und streicht um den Esszimmertisch. «Zeit für meine Streicheleinheiten», heisst das. Arme Josephine! Sie kann ja nicht wissen, dass sie mitten in eine Büro-Sitzung hereinplatzt. Und nicht nur das. Die Bürositzung ist gleichzeitig auch Kinderkrippe und Aufgabenhilfe, seit wegen dem Coronavirus Schulen, Kindergärten und Horte geschlossen sind.

Aus diesem Grund ist Mama am Esstisch gerade in einer Telefonkonferenz mit ihren Arbeitskollegen. Keine einfache Sache. Weil der 4-jährige Vincent sie ständig am Pullover zupft und lautstark wiederholt: «Ich will Schokolade, Ich will Schokolade!» Gleichzeitig versucht die 9-jährige Adina, ihre Schulaufgaben zu lösen. «Psssst!», herrscht Adina den kleinen Bruder an. «Kinder, lasst mich in Ruhe telefonieren», bittet die Mutter. Die Anspannung steigt merklich. Doch anstatt stiller wird es im Zimmer immer lauter. Auch Katze Josephine verzieht sich lieber nach draussen.

Alles findet in den eigenen vier Wänden statt

So wie Adinas und Vincents Familie geht es zur Zeit rund 800 000 Schweizer Familien. Betreuung, Bildung und Berufsalltag finden wegen des Coronavirus in den eigenen vier Wänden statt. Und das meist gleichzeitig. Der ungewohnte Zustand ist für die allermeisten Mütter und Väter eine Herausforderung – und für viele auch eine Überforderung. Neben der allgemeinen Verunsicherung durch das Virus beschäftigen sie auch praktische Fragen: Wie bringe ich Struktur in unseren Tag? Womit beschäftige ich die Kinder, wenn sie wochenlang zu Hause bleiben müssen? Wie gelingt es, in Ruhe zu telefonieren, während im Hintergrund die Kinder herumtoben?

«Ich komme mir vor wie bei den Kindern aus der Krachmacherstrasse», erzählt eine dreifache Mutter: «Je mehr ich auf einen ruhigen Augenblick warte, um konzentriert arbeiten zu können, desto überdrehter werden meine Kinder. Es ist, als ob sie ahnen, dass ich auf ihr Stillsein warte!»

Kinder spüren die Anspannung der Eltern

Tatsächlich. Kinder sind wie Seismografen, sie spüren oft viel schneller als die Eltern, wenn diese unter Anspannung stehen, sind sich Erziehungswissenschaftler und Psychologen einig. Die plötzliche Änderung ihren vertrauten Alltagsstrukturen, lösen bei den Kindern grosse Verunsicherungen hervor. Sie reagieren entsprechend heftig auf Irritationen.

«Ich bin am Anschlag! Nach der Pandemie werde ich einen Therapeuten brauchen», postet ein Vater auf Social Media. Auch wenn vier Smileys den Post begleiten: Es steckt auch ein wahrer Kern drin. Deshalb plädieren Erziehungswissenschaftlerinnen dafür, die Ansprüche zu senken und auch mit sich selber nicht zu hart ins Gericht zu gehen. Es sei völlig normal, dass in einer solchen Situation die eigenen Grenzen schneller erreicht sind und einem auch nicht alles gelingt. Eltern wie Kinder bräuchten Zeit, um sich auf die neue Situation einzustellen.