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Wege aus der Wut

«Ich explodiere gleich …»

Veröffentlicht am von Christoph Laube

«Ich explodiere gleich …», diesen Gedanken hatten sicher viele Eltern in den letzten Tagen. Erziehung ist bereits unter normalen Umständen nicht immer einfach. Während des aktuellen Lockdowns sind Eltern zusätzlich gefordert. Wer sich nahe steht, steht sich auch manchmal auf die Füsse. Doch was kann uns Eltern helfen, in hektischen Situationen die Ruhe zu bewahren?

Sven ist 6 Jahre alt und mag den Coronavirus nicht besonders. «Corona» klingt für ihn wie ein Bösewicht und fühlt sich irgendwie auch so bedrohlich an. Alle sind angespannt, niemand will sich von diesem Bösewicht erwischen lassen. Sven spielt lieber Ritter. Der Besen ist sein Schwert, die Vasen in der Wohnung sind feindliche Ritter. Seine Mama sagt mehrmals «stop» aber Sven schwingt weiter kräftig und wild seine Waffe. Ans Aufhören denkt er nicht. Mama nimmt ihm den Besen weg …

Die Mutter von Sven ist momentan sehr gefordert. Der Familien-Alltag braucht zurzeit viel mehr Organisation: Die Kinder brauchen beim Lernen Unterstützung, nebenbei erledigt sie ihre Arbeit aus dem Homeoffice, auch die Wohnung soll sauber und ordentlich sein und dazwischen muss noch der Wocheneinkauf geplant werden, den sie zur Zeit alleine erledigen muss.

Die Mutter liebt es, wenn Sven in seiner Fantasiewelt versinkt, doch dass die Vasen kaputtgehen, geht nicht! Sie nimmt ihm den Besen weg. Sven soll lieber mit den Legos spielen. Sven verlangt aber den Besen zurück und beschimpft seine Mutter. Er wird immer wütender und wirft aus Versehen doch noch eine Vase um. Das ist zu viel für die Mutter. Voller Wut packt sie Sven, schreit ihn an und schüttelt ihn so heftig, dass er vor Schreck verstummt …

Der Konflikt zwischen Sven und seiner Mutter ist erfunden, doch kann es in unserer momentanen Lebenssituation zu ähnlichen Situationen kommen. Wer sich nahe steht, steht sich auch manchmal auf die Füsse. Die meisten Eltern kommen irgendwann an ihre Grenzen, und aus Verunsicherung und Überforderung wird schnell Frust oder Wut. Doch auch in schwierigen Lebenssituationen gibt es Lösungen, Erziehungsschwierigkeiten mit dem Kind ohne Gewalt zu lösen. Sie können gegenüber ihrem Kind ein Vorbild sein und ihm den Umgang mit Wut und Aggression aufzeigen. Und vor allem schützen wir Eltern unsere Kinder so vor psychischen und physischen Folgen von Gewalt.

Ein paar Tipps für Sie
(in Anlehnung an «starke Ideen für starke Eltern», Stiftung Kinderschutz Schweiz)

Zuhören und verstehen

Hören Sie Ihrem Kind aufmerksam zu und versuchen Sie die Gefühle des Kindes zu verstehen. So fühlt sich das Kind ernst genommen und gewinnt Selbstvertrauen.

Alle Emotionen zulassen, aber nicht alle Taten

Alle Gefühle sind bei Ihnen und Ihrem Kind erlaubt, aber nicht alle Taten. Lassen Sie negative Emotionen nicht durch Worte oder Taten an Ihren Kindern aus. Sagen Sie: «Jetzt bin ich furchtbar wütend, ich muss mich zuerst beruhigen». Nehmen Sie sich dann eine Auszeit, atmen Sie kurz durch, gehen Sie einmal ums Haus oder trinken Sie ein Glas Wasser.

Bis zehn zählen

Bevor die angestaute Wut aus Ihnen herausbricht, zählen Sie innerlich bis zehn, gern auch bis 100. Noch besser: Zwischen den einzelnen Zahlen tief ein- und ausatmen.

Das Eisen schmieden, wenn es kalt ist

Klären Sie den Konflikt, wenn Sie und Ihr Kind wieder ruhig sind. Ihr Kind braucht Unterstützung im Umgang mit starken Gefühlen. Suchen Sie gemeinsam passende Strategien, sobald sich die Emotionen abgekühlt haben.

Geben Sie Ihrem Kind Mitspracherecht

Suchen Sie im Alltag so oft wie möglich mit dem Kind gemeinsame Lösungen und geben Sie dem Alter entsprechende Wahlmöglichkeiten. Überlegen Sie sich, wo Ihr Kind Mitspracherecht hat und wo Sie als Eltern selber entscheiden. Ihr Kind lernt, dass seine Meinung wichtig ist und hält sich besser an Abmachungen.

Hilfe holen

Eltern sein kann anstrengend sein. Schauen Sie auf Ihr Wohlbefinden. Nehmen Sie Hilfe von Freunden, Verwandten oder Fachpersonen in Anspruch. Es ist ok, Unterstützung zu holen. Der Elternnotruf ist 24 Stunden für Sie da.

Was wenn es trotzdem kracht?

Entschuldigen Sie sich bei Ihrem Kind. Erklären Sie ihm, warum Sie gerade überreagiert haben. Wählen Sie einfache, verständliche Worte. Seien Sie aufrichtig. Erwarten Sie von Ihrem Kind aber nicht, dass es Sie von Ihren Schuldgefühlen entlastet. Wenn sich der Vorfall wiederholt, reden Sie darüber und suchen Sie sich Hilfe.

Zurück zu Sven und seiner Mutter. Wir drehen das Rad der Zeit zurück und steigen in dem Moment ein, als die Mutter den Besen wegnimmt. Sven protestiert wütend und beschimpft seine Mutter. Die Mutter geht auf Augenhöhe mit Sven, berührt ihn am Arm und sagt: «Ich möchte, dass die Vasen heil bleiben. Bitte spiel Ritter in deinem Zimmer oder wir suchen zusammen ein neues Spiel. Was möchtest du?» Vielleicht ist die Situation so gelöst. Vielleicht reagiert Sven aber noch nicht auf diesen Einwand der Mutter und spielt weiter. Aus Versehen wirft er eine Vase um. Die Mutter merkt, wie Wut in ihr aufkocht. Es gelingt ihr, sich zu bremsen: «Es macht mich sehr wütend, dass trotzdem eine Vase kaputt gegangen ist. Ich muss mich jetzt kurz beruhigen». Im Gang zählt sie für sich bis 10 und atmet tief ein und aus. Danach kehrt sie ins Wohnzimmer zurück und bittet Sven, mit ihr zusammen die kaputte Vase aufzuwischen. Dabei darf er sein Schwert einsetzen, nur diesmal als Besen. Sie nimmt sich vor, das Vorgefallene mit Sven in Ruhe zu besprechen, wenn sich die Gemüter abgekühlt haben.


Wenn der Stress zu gross wird oder Sie mal nicht weiter wissen, finden Sie auf folgenden Seiten Unterstützung oder unverbindliche, persönliche Beratung:

Kinderschutz Schweiz: Kampagne «Starke Ideen für starke Eltern»

männer.ch (Dachverband Schweizer Männer- & Väterorganisationen): Survivalkit-Merkblatt auf Albanisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Serbokroatisch, Spanisch, Ungarisch

Elternnotruf: 24 h Hilfe und Beratung von Fachpersonen für Eltern, Familien und Bezugspersonen

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