16 Tage gegen Gewalt an Frauen

Wer darf mich wann berühren – wie man Kinder für Nähe und Distanz sensibilisiert

«Mit fremden Männern gehst du nie mit!» Weil wir unsere Kinder schützen wollen, bringen wir ihnen das oft mit grossem Nachdruck bei. Bei sexuellen Übergriffen sind Fremde aber in der Minderheit – vielmehr spielen Nähe und Vertrautheit eine grosse Rolle. Kinder in ihrer Wahrnehmung für angemessene Nähe und Distanz zu stärken, sei daher enorm wichtig, sagt Nadia Bisang vom Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe.

Als Eltern möchte man sein Kind vor jeglichen Übergriffen schützen, vor sexuellen aber wohl besonders fest. Einfach ist dies nicht, gerade auch, weil dabei vielfach Vertrautheit im Spiel ist: Eine der eher raren grossangelegten Studien zeigt, dass sexuelle Übergriffe oft im nahen Umfeld stattfinden – bei kleinen Kindern gar durch nächste Bezugspersonen, bei Jugendlichen sind zunehmend Gleichaltrige involviert. Auch die Buben sind davon betroffen, Mädchen aber weitaus mehr. Wie können Eltern das Thema präventiv in der Erziehung angehen? Darüber spricht Nadia Bisang im Interview. Sie ist stellvertretende Leiterin vom Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe, hat einen Master in Sexueller Gesundheit und ist selbst Mutter von drei Kindern.

Nadia Bisang, Sie sagen, Kinder müssten in ihrer Wahrnehmung von Nähe und Distanz gestärkt werden. Wie können Eltern da vorgehen?
Nadia Bisang:
Wichtig ist, das Thema immer wieder im Alltag aufzugreifen, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt. Geht man gemeinsam in die Badi, eignet sich das beispielsweise gut, um darüber zu reden, wer mich eigentlich nackt sehen darf und wer nicht. Steht ein Besuch in der Kinderarztpraxis an, bietet sich das für die Frage an, wer mich wo berühren darf und wann ich nein sagen muss. Auch das Spielen und Übernachten bei Freunden oder Verwandten, der Schwimm- oder Musikunterricht, die Pfadi oder der erste Sportverein bieten Anlass, beiläufig, aber kontinuierlich darüber im Gespräch zu sein.

Grundsätzlich eignen sich also alle Situationen mit körperlicher Nähe für ein Gespräch?
Genau, aber nicht nur. Das Thema «Mein Körper gehört mir» sollte stets eine Art Leitsatz sein; das Kind soll bestimmen können, welche körperliche Nähe und Berührung stimmen. Anderswo stehen aber mehr die Beziehungen im Vordergrund. Also die Frage «Welche Beziehung tut mir gut?». Auf Kindersprache heisst das: Wenn du alleine Zeit mit jemandem verbringst, machst du das gerne? Fühlt sich das gut an? War die Babysitterin da, kann man beispielsweise besprechen, wie sich die Zeit zu zweit anfühlt oder was es braucht, um von jemandem gerne gebadet oder ins Bett gebracht zu werden. 

Wichtig ist, das Thema immer wieder im Alltag aufzugreifen.

Gerade für kleine Kinder ist ja aber die Nacktheit noch etwas ganz Natürliches. Laufe ich da nicht Gefahr, das Thema zu früh zu problematisieren?
Es ist immer eine Gratwanderung, weil man das Kind ja auch nicht in seiner Ungezwungenheit einschränken möchte. Als Eltern sind wir aber ebenso gefragt, unsere Kinder zu schützen. Deshalb gehört es auch zu unserer Pflicht, ihnen aufzuzeigen, dass es Umfelder gibt, in denen das Vertrauen nicht einfach so da ist.

Das muss man nicht dramatisieren. Rennen die Kinder in der Badi beispielsweise am liebsten ohne Badehosen herum, muss ich sie nicht zu Kleidern zwingen, um ihnen mögliche Gefahren aufzuzeigen. Aber ich kann auch schon mit kleinen Kindern auf der Gefühlsebene über das Thema reden. Zum Beispiel indem ich sage, gell, das ist schön, so herumzurennen und in unserer Familie, wo wir einander alle gut kennen, ist das gut so. An Orten, wo aber auch Fremde sind, ist das anders.

Was sind weitere Schritte, die ich dafür als Eltern unternehmen kann?
Wichtig ist auch, Situationen im Nachhinein aufzugreifen, wenn sie sich ergeben haben. Meine Tochter wollte einmal von der Kinderärztin nicht im Geschlechtsbereich untersucht werden, es war im Rahmen einer Entwicklungseinschätzung. Die Ärztin hat gefragt, ob sie die Untersuchung machen dürfe und meine Tochter hat nein gesagt. Später haben wir darüber geredet, warum sich das für sie nicht richtig angefühlt hätte, in welchem Zusammenhang solche Untersuchungen manchmal nötig sind und warum es in diesem Fall gut war, dass sie nein gesagt hat.

Allgemein hilft es auch, zu beobachten und sensibel darauf zu sein, wie Kinder auf Nähe reagieren. Gehen sie beispielsweise bei den Grosseltern gerne auf den Schoss? Wenn nicht, kann ich fragen, warum sie das nicht möchten, und sie dann in ihrer Handhabung bestärken. Kinder sollen nein sagen dürfen, auch wenn es die Grosseltern sind, die alles gut meinen und sich über mehr Kontakt zu den Grosskindern freuen würden. Drückt eine Grosstante am Familienfest das Kind überschwänglich ans Herz, ihm ist aber sichtlich unwohl dabei, kann ich später beispielsweise sagen, gell, das hat sich für dich nicht so gut angefühlt, ich habe gemerkt, dass du das nicht magst. Auch kann ich auf die Reaktion Bezug nehmen und fragen, ob es sich im Moment nicht wehren konnte und ob es denkt, dass es in Zukunft sagen kann, wenn es etwas nicht möchte, oder ob es Unterstützung von mir braucht.

Manchmal können wir auch direkt im Moment markieren, dass wir da sind und dem Kind helfen, wenn nötig. Sind Kinder beispielsweise schüchtern, dann ist es Aufgabe von uns Eltern, das ernst zu nehmen und sie nicht in Situationen zu bringen, die ihnen unwohl sind, beispielsweise indem wir eine Umarmung zur Begrüssung forcieren. Es gibt nun mal Kinder, die brauchen viel Vertrauen, um sich auf Nähe einzulassen. Das kann für das Umfeld irritierend oder gar verletzend sein, denn sie meinen es ja nur gut. Als Eltern kann ich in dem Moment unterstützend wirken, indem ich das Kind mit einer kurzen Erklärung in Schutz nehme.

Dann gibt es ja auch das Gegenteil, Kinder die sehr zutraulich sind.
Auch das ist eine Gratwanderung – die einen brauchen mehr Bestärkung, die anderen mehr Schutz. Aber auch hier kann ich auf der Gefühlsebene das Gespräch suchen. Sitzt ein Kind beispielsweise generell den Leuten schnell auf den Schoss, kann ich das einmal ansprechen und fragen, ob sich das bei allen gleich gut anfühlen würde, egal wer es wäre. Dann könnte ich fragen, was es denn machen würde, wenn es sich plötzlich komisch anfühlen würde und es nicht mehr länger auf dem Schoss bleiben möchte. Zu spüren, ob es sich gut anfühlt oder nicht, ist eine wichtige Grundlage. Darauf aufbauend kann ich es darin bestärken, dass es jederzeit nein sagen darf und soll, wenn sich etwas nicht gut anfühlt.

Manchmal können wir direkt im Moment markieren, dass wir da sind und helfen, wenn nötig.

Allgemein spielt das Bewusstsein für die eigenen Gefühle eine wichtige Rolle. Beispielsweise auch bei Themen, die vordergründig nichts mit der körperlichen Unversehrtheit zu tun haben. Was macht mich traurig, was verletzt mich, wenn andere Kinder mich plagen? Greifen wir diese Gefühle auf und helfen wir den Kindern, sie einzuordnen, sind sie schon viel weniger schutzlos, als wenn wir sie damit alleine lassen.

Ein Rezept gibt es nicht und man kann niemanden vor allem beschützen. Aber darüber zu reden, was sich gut anfühlt und was nicht, wo und wie wir nein sagen dürfen, und dafür auch eine Sprache zu geben, ist enorm wertvoll. Das gibt eine Sensibilität für Grenzen.

Gibt es Anzeichen, worauf man als Eltern achten soll, wenn diese Grenzen dennoch einmal überschritten worden sind?
Das ist schwierig. Als Eltern macht man sich ja auch wahnsinnige Vorwürfe, wenn einem etwas entgangen ist. Zieht sich ein Kind zurück oder schläft plötzlich schlecht, sind das sicher Anzeichen dafür, dass etwas nicht gut ist. Nur können die Ursachen dafür ganz unterschiedlich sein. Wenn sich ein Kind stark verändert oder irgendwo nicht mehr hingehen möchte, muss man auf jeden Fall ganz genau hinschauen, das Kind immer ernst nehmen und nach den Gründen fragen.

Aber: Es ist wirklich schwierig. Eben genau weil die Grenzverletzungen auch häufig in Vertrauensbeziehungen stattfinden und in kleinen Schritten vorangehen. Deshalb braucht es neben der Prävention auch die Aufmerksamkeit, das sensible Beobachten und auch Mut von uns Eltern, unangenehme Themen anzusprechen. 

Kampagne 16 Tage gegen Gewalt an Frauen

Jedes Jahr findet zwischen dem 25. November und 10. Dezember die internationale Kampagne 16 Tage gegen Gewalt an Frauen statt. Dieses Jahr steht das Thema «Sexualisierte Gewalt» im Fokus. Sexualisierte Gewalt kommt weitaus häufiger vor, als viele annehmen – und dabei oft im nahen Umfeld. Auch Buben sind betroffen, Mädchen aber weitaus mehr.