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Interview mit Erziehungsberaterin Sandra Grubenmann

Mit Teenagern die Corona-Krise meistern

Veröffentlicht am von Anna Kardos, AJB

Die Corona-Krise ist für Jugendliche und ihre Eltern eine Herausforderung. Sandra Grubenmann, Erziehungsberaterin im kjz Kloten, erzählt, wie man aufeinander zugeht, ohne dass ein Streit eskaliert.

Die Corona-Krise ist für alle schwierig, aber besonders schwierig ist sie für Jugendliche. Warum?
Sandra Grubenmann: Was auch uns Erwachsenen Mühe bereitet, ist der Kontrollverlust. Jemand bestimmt: die Schulen gehen zu. Jemand bestimmt: man darf den Freund nicht mehr umarmen; zur Begrüssung keinen Handschlag mehr machen. Und all das aus einem Grund, der nicht direkt mit den Jugendlichen zu tun hat. Die meisten sind ja nicht in der Risikogruppe. All das ist für sie schwierig nachzuvollziehen. Das führt dazu, dass sie aufgrund der Einschränkungen frustriert sind. Und Frustration kann zu Aggression führen.

In vielen Familien haben Provokation und Streit zugenommen – bis hin zu Gewaltausbrüchen.
Aggression ist eine normale Reaktion auf einen massiven Eingriff und die gesteigerte Frustration. Wir Erwachsenen haben ja auch Mühe. Aber wir können unsere Gefühle besser regulieren. Als Jugendlicher kann man das tendenziell noch nicht so gut.

Wo liegt aktuell das grösste Konfliktpotential?
Meiner Erfahrung nach, wenn Jugendliche in der Wahrnehmung der Eltern zu wenig für die Schule machen, die Aufgaben des Fernunterrichts nicht erfüllen. Oder wenn sie den Tag zur Nacht machen. Oft können sie abends schlecht einschlafen und schlafen dafür am Morgen lange. Dass kann so weit führen, dass sich der Tag-Nacht-Rhythmus umkehrt.

Wie kann man mit Jugendlichen am besten das Gespräch suchen, den Dialog finden, wenn sie der Meinung oder Haltung ihrer Eltern ablehnend gegenüber stehen?
Wichtig ist es, den Jugendlichen zuzuhören – und zwar ohne gleich zu werten. Wir Erwachsenen neigen dazu, Meinungen oder Gedanken der Jugendlichen zu bewerten oder sofort ein Gegenargument zu bringen. Ehrliches Interesse bringt uns viel besser ins Gespräch mit ihnen.

Wenn ein Jugendlicher beispielsweise sagt: „Das Virus ist mir egal.“ Dann würde ich raten, erst mal darauf einzugehen, das Gesagte auch zu wiederholen: Du sagst, das Virus sei dir egal. Du scheinst also keine Angst davor zu haben. Jugendliche hören oft auf zu sprechen, wenn man sie verurteilt oder zu überzeugen versucht von etwas anderem.

Warum hilft es, das Gesagte zu wiederholen?
Pubertierende wollen oft provozieren. Als Eltern hat man immer die Möglichkeit, nicht auf diese Provokation einzusteigen. Wenn man darauf einsteigt, wird es schwierig. Das führt zu einem Kampf, den alle verlieren. Aber wenn man einfach mal wiederholt, was die Jugendlichen gesagt haben, und vielleicht eine offene Frage dazu stellt: „Warum denkst du das?“ Kann sich eine Diskussion ergeben. Den Jugendlichen zuhören, ihnen Raum geben und ehrliches Interesse, ist ganz wichtig.

In der Pubertät strebt man nach Unabhängigkeit. Wenn das durch den Lockdown blockiert wird, was können die Folgen sein?
Für die Jugendlichen heute gibt es zwei Welten. Die reale in der Schule, im Freundeskreis, wo man Leute trifft. Und eine Welt, die virtuell ist. Diese zweite Welt ist überhaupt nicht beeinflusst vom Corona-Virus. Da sind die Jugendlichen in Kontakt, bilden sich unabhängig von den Eltern eine Meinung; tauschen sich aus wie bisher –  vielleicht sogar noch mehr.

Und die reale Welt?
Die unterschiedliche Wahrnehmung der Gefahr ist tatsächlich ein Thema. Die Eltern wissen, was die Pandemie bedeuten kann für das Gesundheitssystem, für die Wirtschaft. Jugendliche denken oft nicht ganz so weit. Sie finden: ich will jetzt rausgehen. Das dürfen sie ja auch – unter Einhaltung der Hygienemassnahmen. In der Schweiz herrscht keine Ausgangssperre.

Befolgen Pubertierende die Hygienemassnahmen?
Ob sie diese umsetzen oder nicht, liegt meist nicht in der Kontrolle der Eltern. Deren Pflicht ist es, die Jugendlichen zu informieren, über die Konsequenzen aufzuklären. Und darauf zu vertrauen, dass sie sich daran halten. Und wenn man weiss, dass sie sich nicht daran halten, liegt das nicht in der Verantwortung der Eltern.

Die Verantwortung liegt bei den Jugendlichen?
Ja. Man kann zu Hause gemeinsam besprechen, dass die Polizei Bussen verteilt, wenn mehr als fünf Personen miteinander unterwegs sind und sich nicht einsichtig zeigen. Und man kann mit den Jugendlichen abmachen, dass sie in so einem Fall die Busse selbst bezahlen müssten.

Auch den umgekehrten Fall gibt es: Teenager, die den ganzen Tag auf ihrem Bett verbringen …
Je mehr Menschen auf engem Raum sind, desto schneller kommt es zu Aggressionen und letztendlich zu Gewalt. Darum ist wichtig, dass sich alle Familienmitglieder zurückziehen können, um runter zu kommen. Zu viel Rückzug kann allerdings zu Trägheit, Apathie, Passivität und schlussendlich – aber das ist ein längerer Weg – bis hin zu einer Depression führen.

Was kann man als Eltern dagegen tun?
Man muss sein Kind gut beobachten: Geht es ihm gut und haben nur wir Eltern Mühe, den Rückzug auszuhalten? Oder geht es dem Jugendlichen schlecht? Wenn man sich Sorgen macht, gibt es Anlaufstellen wie die kjz, wo man anrufen kann, um sich zu versichern: Ist das noch normales Verhalten?


Sandra Grubenmann, Erziehungsberaterin im kjz Kloten

147 von Pro Juventute bietet Kindern und Jugendlichen bietet Kindern und Jugendlichen rund um die Uhr vertrauliche und kostenlose Beratung rund um die Uhr.

Auf feel-okay.ch finden sowohl Eltern als auch Jugendliche viele hilfreiche Beiträge zum Alltag – mit und ohne Corona-Zusatzbelastung.

Auch das Team vom Elternnotruf ist für Sie da. Telefonisch unter 0848 35 45 55 zum Festnetztarif oder per Mail.

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