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Die Corona-Krise der Jugendlichen

Null Bock auf gar nichts

Veröffentlicht am von Anna Kardos, AJB

Jugendliche trifft der Lockdown besonders hart. Ein Teenager-Vater berichtet aus einem ganz normalen Corona-Tag.

Die Sonne scheint. Der Wecker klingelt. Und täglich grüsst die Corona-Krise. Sie betrifft uns alle. Aber besonders hart trifft sie die Jugendlichen. Das fängt schon Morgens an, wie ein Journalist und zweifacher Vater aus Zürich erzählt: «Um 8 Uhr ist bei uns Aufstehzeit, dann frühstücken wir. Um 9 Uhr legen wir los mit dem Fernunterricht.»

Ihm und seiner Frau sei es wichtig, den Kindern eine Struktur zu geben. Allerdings sei das leichter gesagt als getan: «Der Video-Unterricht unseres Sohnes beginnt oft erst um 10.30 Uhr. Also schlagen wir vor, dass er bis dahin etwas repetiert. Er will aber lieber auf dem Handy eine Serie schauen oder mit seinen Kumpels chatten.» Schon sind Konflikte vorprogrammiert.

Gerade in der Oberstufe werden Jugendliche von den Lehrpersonen nicht mehr so engmaschig betreut. Manche kommen mit der plötzlichen Eigenverantwortung klar. Die meisten nicht. Eine Mutter aus Zürich erzählt: «Unser 14-jähriger Sohn ist seit den Schulschliessungen richtig kreativ geworden darin, fantasievolle Ausreden für die Lehrerin zu erfinden.»

Home alone – mit den Eltern
Was neue Herausforderungen in Zeiten von Corona angeht: Beim fantasievolle-Ausreden-Erfinden bleiben sie nicht. Die Belastung durch den Lockdown geht tiefer. Gerade in der Phase der Pubertät, wo Jugendliche ausserhalb der Familie mit Gleichaltrigen Erfahrungen machen wollen, heisst es: Home alone – und erst noch mit den Eltern.

Dass Kollegen und Kumpels fehlen, bleibt nicht ohne Folgen, und zwar nicht nur auf die Freizeit der Teenager: «Unser Sohn trainiert normalerweise dreimal die Woche Leichtathletik. Das Gemeinschaftsgefühl ist ihm sehr wichtig. Nun hat er vom Trainer ein Programm für die Corona-Zeit mitbekommen. Aber die Motivation, das Trainingsprogramm ohne seine Kumpels durchzuführen, ist nicht wahnsinnig gross», berichtet der Vater aus Zürich.

Alleinsein als Bedrohung
Der Gedanke, auf sich selbst gestellt zu sein, habe für Jugendliche etwas geradezu Bedrohliches, erklärt Bernhard Bürki von Pro Juventute. Die Gründe dafür liegen unter anderem in der Emotionskontrolle der Pubertierenden. Bei den meisten sei diese «noch nicht ausreichend ausgereift, um die verordnete Isolation ruhig zu ertragen», schrieb unlängst der Psychologe und Pädagoge Allan Guggenbühl in der NZZ.

Mögliche Folgen sind Aggression oder der Rückzug aufs Sofa, sogar ins eigene Bett. Der 57-jährige Vater aus Zürich erzählt: «Wir haben mit den Kindern im Tagesplan vereinbart, dass sie mindestens eine Stunde raus sollen. Unser Sohn findet das aber total unnötig.» Sein Argument? «Das BAG sagt doch, dass man nicht rausgehen soll! Ich halte mich nur an die Vorgaben.»

Energielevel? Sinkend. Motivation? Niedrig
Und schon wird aus einem New Kid on the Block ein New Kid ohne Bock. Energielevel? Sinkend. Motivation? Niedrig. Mögliche Ablenkungen? Inexistent. Was bleibt, ist das Smartphone. «Es ist unser grösster Konfliktpunkt», zieht der Vater aus Zürich fünf Wochen nach dem Lockdown Bilanz. «Der Umgang mit digitalen Medien ist an sich schon eine Herausforderung. Wo lässt man den Jugendlichen machen und wo setzt man Grenzen? Diese Frage gestaltet sich jetzt nochmals schwieriger.» Vor allem, da Smartphones und Socia Media zur Zeit oft der einzige Weg sind, auf dem Jugendliche mit ihren Kollegen in Kontakt kommen.

«Unser Sohn ist sonst wahnsinnig zuverlässig. Ich kann ihm hundertprozentig vertrauen – ausser beim Smartphone», erzählt der Vater und führt aus: «Das führt neuerdings jeden Abend zu Diskussionen.» Andere Familien berichten, dass nicht einmal mehr auf Diskussionen nützen: «Wir wohnen im Parterre. Wenn unser vierzehnjähriger Sohn unsere Regeln nicht akzeptieren will, steigt er einfach aus dem Fenster», erzählt eine 38-jährige Mutter aus Wetzikon.

Auch wenn diese Wochen für Eltern wie Jugendliche eine grosse Herausforderung sind: «Es ist wichtig miteinander im Gespräch zu bleiben, den Jugendlichen zu zuhören – und zwar ohne gleich zu werten oder gleich ein Gegenargument zu bringen», sagt Sandra Grubenmann, vom kjz Kloten. Mögliche Lösungen? Alles ausser Funkstille – und zwar auch dann, wenn die Wogen mal hoch gehen.

«Der Streit mit einem Jugendlichen kann heftig sein», erzählt der Vater aus Zürich. «Nur schon der Begriff ‹hassen›. Er ist ein normales Wort im Wortschatz meiner Kinder, das sie häufig brauchen. Aber wenn sie mir das dann an den Kopf werfen, muss ich schon leer schlucken.» Allerdings könne er sich noch gut an die eigene Jugend erinnern: «Als Pubertierender war ich auch ein pain-in-the-ass. Bis heute bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie es mit mir ausgehalten haben», so der Journalist und zweifache Familienvater.

«Ich bin für dich da!»
Die eigene Erinnerung daran, dass der süsse Vogel Jugend auch mal als Kampfhahn, keifendes Huhn oder lahme Ente daherkommt, kann Eltern helfen, gelassener mit ihren Teenager-Kindern umzugehen. «Am wichtigsten ist mir, trotz der Reibungsfläche die Botschaft mitzugeben: Du kannst dich auf mich verlassen. Ich bin immer da und komme auf dich zu», berichtet der Vater aus Zürich.

Darum versucht er Tag für Tag Situationen zu schaffen, wo das möglich ist: «Abends setze ich mich zu meinem Sohn ans Bett. Im besten Fall ergibt sich ein Gespräch. Manchmal sitzt man einfach da, ohne zu reden. Auch das schafft schon Nähe.» Draussen scheint dann der Mond. Der Wecker klingelt noch lange nicht. Und manchmal grüsst sogar die Corona-Krise für eine Weile nicht mehr.


Haben Sie als Eltern Fragen zu Ihren Teenagern? Die Erziehungsberatung der Kinder- und Jugendhilfezentren (kjz) sind während der Corona-Krise auch telefonisch für Sie da.

Auch das Team vom Elternnotruf ist für Sie da. Telefonisch unter 0848 35 45 55 zum Festnetztarif oder per Mail.

147 von Pro Juventute bietet Kindern und Jugendlichen bietet Kindern und Jugendlichen rund um die Uhr vertrauliche und kostenlose Beratung rund um die Uhr.

Auf feel-okay.ch finden sowohl Eltern als auch Jugendliche viele hilfreiche Beiträge zum Alltag – mit und ohne Corona-Zusatzbelastung.

 

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