Über Sinn und Unsinn vom Osterhasen

Sollen Kinder wissen, wie der (Oster-)Hase läuft?

Vor Ostern stellt sich André Woodtli, Amtsvorsteher vom AJB, den Hasenfragen. Drei Fragen, drei Antworten – zu familiären Gepflogenheiten, dem Spass und möglichen Kinderenttäuschungen rund um fiktive Traditionsfiguren. Mit einem Kommentar zum pädagogischen Sinn und Unsinn von kjz-Expertin Marijana Milojevic.

Herr Woodtli, wie war das eigentlich bei Ihnen mit dem Osterhasen – gab es ihn?
André Woodtli: Wir feierten als Familie jedes Jahr sehr spassige Ostern. Zu suchen gab es stets ein Nest mit einem weissen, braunen und schwarzen Schoggihasen – farblich abgestimmt auf uns drei Geschwister. So wussten wir immer, wenn wir das richtige Nest gefunden hatten. Diese jährliche Nestsuche habe ich noch sehr lebhaft in Erinnerung, ich sehe frühlingshafte Landschaften vor mir, manchmal noch mit Schneefeldern oder bereits schon spriessendem Enzian.

Meine Mutter war grandios im Verstecken, es war ein absolutes Geknobel, bis man ihr auf die Schliche kam. Doch obwohl sie uns immer wieder fragte, welche Ideen sich der Osterhase wohl dieses Jahr wieder ausgeheckt hatte, war für alle immer klar, dass sie es war, die die Nester versteckte. Sie machte daraus nie ein Geheimnis, nur ein grosses Spektakel.

Denken Sie, die damit verbundene Enttäuschung ist etwas Negatives, wenn man Kindern solche fiktiven Figuren vorgaukelt und sie irgendwann dahinter kommen?
Ich glaube, Kinder erleben diese Enttäuschung gar nicht unbedingt, im Gegenteil. Wenn eine Welt untergeht, geht eine neue auf – so entdecken sie doch Schritt für Schritt immer mehr Welt und zum Schluss ist das mehr, als es die Familienerzählungen alleine abdecken. Sie haben es geschafft, etwas zu durchschauen, ein Entwicklungsgewinn! Sind sie dann den Eltern erst einmal auf die Schliche gekommen, mag es vielleicht sogar eher die Sorge vor der Enttäuschung der Erwachsenen sein, die sie beschäftigt, nicht die eigene. So habe ich das zumindest bei meinen Buben erlebt.

Fällt dieser Schleier aber nicht von alleine ab als Teil eines Reifeprozesses, sondern wird beispielsweise im Kindergarten von anderen Kindern ohne Fingerspitzengefühl weggerissen, dann stelle ich mir diese Enthüllung schon gewalttätig vor.

Wie haben Sie es den Osterhasen mit Ihren eigenen Kindern gehandhabt?
Ich denke, diese Jahresfamiliendrehbücher sind sehr wichtig und bei uns allen stark beeinflusst von den Traditionen, die wir in der eigenen Kindheit erlebt haben. Frohe Muster gibt man gerne auf ähnliche Art weiter; so ist die Osternestsuche bei uns auch mehr ein grosses Detektivspiel und der Osterhase nahm von Anfang an den Status einer fiktiven Figur ein.

Wir führten aber auch generell keine dieser Figuren bei unseren Kindern ein. Der Samichlaus wurde allerdings vom Quartier, dem Kindergarten und der Kita so breit zelebriert, dass sie bei ihm dann doch deutlich verunsichert waren, ob sie diesen Herrn im roten Gewand so einfach auf die leichte Schulter nehmen können oder ob er dafür nicht doch über ein bisschen gar viel heikles Wissen verfügen könnte. Doch noch vor dem Schulalter war das Hinterfragen nicht mehr aufzuhalten. Es gibt Kinder, die sehr früh den Sachen auf den Grund gehen wollen. Allgemein erstaunte es mich, wie früh und hartnäckig meine Kinder wissen wollten, was es denn nun so richtig echt gibt oder eben nicht.

Insgesamt denke ich, dass das Realmachen dieser fiktionalen Figuren (und dann wird es ja nochmals sehr viel ernster, wenn es um die Engel, um Gott und den Teufel und so weiter geht) zum Stoffreichtum gehört, aus dem die Familien ihre Familienkultur gestalten können.

Das sagt die kjz-Expertin zum Osterhasen

Soll man Kinder an eine Figur wie den Osterhasen glauben lassen oder ist der Irrglaube pädagogischer Unsinn? Marijana Milojevic, Erziehungsberaterin im kjz Dübendorf, nimmt Stellung. 

Der Glaube an den Osterhasen ist weder besonders nützlich noch schädlich
Der Glaube an Fantasiegestalten kann durchaus förderlich für das kreative Denken von Kindern sein. Sie können dadurch in Ideenwelten eintauchen, die in der realen Welt so nicht vorhanden sind. Doch auch ohne den Glauben an den Osterhasen finden Kinder genügend andere Quellen, um daraus Kreativität zu schöpfen. Schliesslich sollte der Osterhase ja vor allem viel Freude bereiten – er hat nicht unbedingt einen pädagogisch relevanten Anspruch.

Illusionen zu entdecken ist ein wichtiger Teil des Reifeprozesses
Im Alter von drei bis vier Jahren lernen Kinder zunehmend, dass Personen unterschiedliche Überzeugungen haben und diese auch falsch sein können. Diese Erkenntnis ist ein wichtiger Teil der Entwicklung und eine Vorläuferfähigkeit für andere höher geordnete Denkprozesse. Merken Kinder, dass ihnen etwas vorgegaukelt wurde, ist das also nicht per se etwas Schlechtes. Im Gegenteil, das Entdecken der eigenen Illusion gehört zum Reifeprozess dazu. Mit der Zeit lernen Kinder sogar, falsche Überzeugungen für ihren eigenen Vorteil auszuspielen, indem sie zum Beispiel lügen.

Eltern können die kritische Auseinandersetzung unterstützen
Es gibt verschiedene Arten, auf skeptische Kinderfragen zu reagieren. Häufig kommt es auch auf die Einstellung der Eltern an. Man kann Kinder bei ihrer kritischen Auseinandersetzung unterstützen, indem man sie zum Beispiel durch gezielte Fragen zum Argumentieren anregt. So lernen sie, durch Überlegen selbst zur Lösung zu kommen. Die Enttäuschung über die Nichtexistenz des Osterhasen lässt sich wohl nicht verhindern. Jedoch könnte man etwas gegen die Enttäuschung unternehmen, von den Eltern angelogen worden zu sein. Hierbei mag der alte Klassiker helfen: Das Verhalten erklären, Fehler zugeben, entschuldigen, wiedergutmachen.

Der Schleier fällt eines Tages von selbst
Der Glaube an Fantasiegestalten ist bei Kindern sehr individuell ausgeprägt, in der Regel verschwindet er allerdings eines Tages von selbst.