Zurück
Die Vaterrolle in schwierigen Zeiten

Von steigendem Druck und absoluter Nähe

Veröffentlicht am von Martin Gessler, AJB

Vom Arbeitsleben bis zum Familienalltag – das Coronavirus diktiert momentan unser Leben. Viele Väter machen sich Sorgen um das Familieneinkommen. Angesichts der Herausforderungen kann eines in den Hintergrund geraten: Wie wichtig Väter auch im Alltag für ihre Kinder sind – und das jeden Tag.

Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit schlagen aufs Gemüt. Betroffene Eltern wissen nicht, wie sie in den kommenden Wochen und Monaten ihre Rechnungen bezahlen sollen. Das setzt Väter aktuell besonderem Druck aus. Denn bei rund Dreiviertel der Schweizer Familien macht die Arbeit des Vaters nach wie vor einen grossen Teil des Familieneinkommens aus. Aber auch im ganz normalen Alltag tauchen plötzlich Probleme auf: Am Familientisch konzentriert im Homeoffice zu arbeiten funktioniert nicht; die Kinder quengeln, weil ihnen langweilig ist; einige Väter sind nun mehr als bisher in die Kinderbetreuung eingebunden – und damit doppelt gefordert.

Ausgebrannte Väter geben keine Wärme

Kinder brauchen jetzt besonders viel Zuwendung. Die bekommen sie vor allem von ihren wichtigsten Bezugspersonen: ihren Eltern. Aber um Liebe zu schenken, dürfen die eigenen Batterien nicht völlig leer sein. Deshalb lautet ein wichtiges Gebot für Väter und Mütter: Sorgen Sie für sich selbst! Planen Sie als Vater also trotz aktuellen Herausforderungen – oder gerade deswegen – kleine Erholungsinseln im Alltag. Jeden Tag etwas, das Spass macht und Ihnen gut tut: Sport, ein heisses Bad, die Zeitung lesen oder für zehn Minuten die Türe hinter sich schliessen und ganz in Ruhe einen Kaffee geniessen (Lesen Sie dazu Den Kindern und sich selber Sorge tragen).

Als Vater sind Sie wichtig – auch jetzt!

«Männer sind auf dieser Welt unersetzlich», sang schon Herbert Grönemeyer. Als Väter spielen sie tendenziell körperlicher und wilder. So lernen die Kinder beim Herumtoben einiges: mit Rückschlägen umzugehen, ihre Gefühle zu regulieren sowie ihr Körper- und Selbstbewusstsein zu stärken. Sie lernen ihre Grenzen kennen und können sich besser einschätzen. Wird es dafür in den eigenen vier Wänden zu eng, geht es gemeinsam raus an die frische Luft.

Lassen Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter an Ihrer Welt teilhaben: Erzählen Sie von Ihrer Arbeit, teilen Sie schöne Momente oder was Sie zurzeit beschäftigt. Versuchen Sie auch zu erklären, was Sie gerade belastet – in dieser speziellen Zeit besonders wichtig. Denn: Kinder spüren, wenn die Stimmung angespannt ist. So können sie ihre Wahrnehmung besser einordnen.

Hauptsache ungeteilte Aufmerksamkeit

«Ich bin wichtig für meinen Vater. Ich habe eine Bedeutung für ihn!» ist eine existentielle Erfahrung für das Kind, eine Energietankstelle gewissermassen. Nehmen Sie sich deshalb Zeit für Ihr Kind – trotz aller Belastungen und Herausforderungen während des Lockdowns. Es geht weniger um die Dauer, sondern darum, Ihrem Kind öfters ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Dafür muss man sein Kind nicht stundenlang bespassen oder den Alleinunterhalter spielen. Eine Gutenachtgeschichte, ein Spiel, ein Austausch über Freuden und Ärger des Tages. Jede Umarmung, jedes Lächeln und jedes «Es hat Spass gemacht mit dir!» ermutigen das Kind. Es fühlt sich akzeptiert und bestärkt.

Bevor es zur Explosion kommt: durchatmen

Erziehen heisst vor allem Orientierung geben. Dazu gehört auch, dass Sie die eigenen Grenzen klar machen, wenn ihre Geduld erschöpft ist. Belastet Sie der alltägliche Familienradau akustisch? Dann handeln Sie der Familie so gut wie möglich aus, wann und wo gelärmt werden darf und welche Ruhezonen gelten. Das gilt für jedes Familienmitglied. Eine klar abgesprochene Aufteilung, wer wann wofür zuständig ist (kochen, einkaufen, Kinder beim Lernen unterstützen etc.), hilft allen als Orientierung.

Und machen Sie einen Plan für den Fall, dass Ihnen alles zu viel wird und Sie vor Wut gleich explodieren: Ziehen Sie sich zurück, gehen Sie nach draussen, auf den Balkon, rennen sie das Treppenhaus hinauf und hinunter, trinken Sie ein Glas Wasser oder atmen Sie tief durch (Lesen Sie dazu «Ich explodiere gleich …»).

Erziehung ist kein Kinderspiel!

Die meisten Eltern haben in Gedanken ihre Kinder schon einmal auf den Mond geschossen, um endlich Ruhe zu haben. Aber als Vater kennen Sie auch Momente von absoluter Nähe, die Sie zu tiefst berührt haben. Wenn Ihr Kind auf Sie zukommt, Sie umarmt, im völligen Vertrauen auf Ihre Unterstützung und bedingungslose Liebe – so unendlich, wie das Universum.

Als Vater können Sie genauso wesentlich zu einem gesunden und glücklichen Aufwachsen der Kinder beitragen wie die Mutter. Und gerade in turbulenten Zeiten sind tragende Beziehungen ein Fangnetz – für Ihre Kinder und für Sie selbst. Denn Untersuchungen zeigen: Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, stärken nicht nur deren Selbstwertgefühl, sondern auch ihr eigenes.


Noch mehr Unterstützung für Väter und Texte rund um die Vaterrolle finden Sie hier:

männer.ch – Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen: Faktenblatt «Väter und Spiel», Spielideen für Väter und ein Survivalkit-Merkblatt zur Corona-Krise (verfügbar in Albanisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Serbokroatisch, Spanisch, Ungarisch)

Vätergeschichten.ch: Geschichten aus dem Leben über und Erinnerungen an Väter, Grossväter oder ans Vatersein.

Fritz und Fränzi: «Dossier: Väter»

Kategorien

Weitere Beiträge