Das sagt die kjz-Expertin

Lernfeld Esstisch – was Kinder beim Essen alles lernen

Spaghetti da, Tomatensauce dort, ein Teil im Bauch und der Rest feinsäuberlich im Gesicht verteilt: Was die elterliche Geduld manchmal auf die Probe stellt, birgt für Kinder Unmengen an Lernerfahrungen – Spaghetti oder Löffel zum vierten Mal zu Boden schleudern inklusive. kjz-Expertin Tanja Citherlet gibt Einblick, was am Esstisch alles gelernt wird.

Tanja Citherlet, Sie sagen, auch wenn der Esstisch manchmal mehr wie ein Schlachtfeld aussieht, ist er für Kinder in Wirklichkeit ein riesiges Lernfeld. Wie das?
Bei Kleinkindern ist der Mund der empfindsamste Körperteil. Sie erfassen damit unzählige Eigenschaften; Grösse, Gewicht, Oberfläche, Geschmack usw. Daher wandert mit 3-5 Monaten bis fast zum zweiten Lebensjahr, in der sogenannt oralen Phase, erstmal alles zum ausgiebigen Erkunden direkt in den Mund. Auch lernen Kinder beim Essen die komplexe Hand-Augen-Koordination, sobald sie greifen können: Wohin muss ich greifen, wie führe ich was am besten Richtung Mund? Nicht zuletzt ist Essen wichtig für den Aufbau der Zungenmuskulatur – und damit für die ganze Sprachentwicklung. Und natürlich gibt es unzählige soziale Lernmomente rund ums Essen.

Zum Beispiel?
Beim Essen ist die Kultur der Eltern sehr präsent, da gibt es ganz viel zu lernen. Sind die Regeln auswärts anders, etwa in der Kita oder am Mittagstisch, merken Kinder wiederum, dass es unterschiedliche Handhabungen gibt. Auch kehrt bei Mahlzeiten oft ein Moment des Zusammenseins ein, eine Pause im Alltagstumult. Das schafft Bindung und lehrt beiläufig Dinge wie: Wie tauschen wir uns aus, wie reden wir miteinander? Wie nehmen wir Rücksicht aufeinander? Zum Beispiel wenn ein Kind warten soll, bis seine Geschwister aufgegessen haben.

Frei von Tumult sind die Momente am Esstisch nicht immer. Manchmal fliegen einem die Bissen buchstäblich um die Ohren.
Gerade das Runterwerfen finde ich etwas sehr Spannendes. Eltern ärgern sich oft darüber, doch auch das beinhaltet viele Lernmomente. Etwa die Objektpermanenz; ist die Gurkenscheibe wirklich weg, ist sie einmal vom Teller geschafft? Wie lange dauert es, bis sie unten ankommt? Werfen gibt ein Gefühl für Distanz und Dimensionen, aber auch für Selbstwirksamkeit – ich kann etwas «bewegen». Dasselbe gilt, wenn sich Kinder selbst schöpfen oder Essen in den Mund führen. Und natürlich auch für allfälliges Geschrei – ich kann für Aufregung am Esstisch sorgen, ich erreiche, dass man auf mich achtet.

Wie können wir Kinder bei ihren Lernprozessen rund ums Essen unterstützen?
Indem wir gerade die sinnlichen Erfahrungen zulassen, also Kinder zum Beispiel mit den Händen essen lassen. Oder allgemein indem wir sie so viel wie möglich selber machen und erkunden lassen. Den Kleinsten können wir beispielsweise mit einem gekochten Rüebli etwas zum Mitmachen in die Hand geben, den Grösseren mit einem eigenen Löffel. Mehr zu Wichtige Fragen zum ersten Babybrei

Auch das Runterwerfen beinhaltet viele Lernmomente.

Und wenn die Experimentierfreudigkeit überhandnimmt – wie sollen Eltern etwa mit dem Runterwerfen umgehen?
Wir gehen immer davon aus, dass jedes Verhalten einen Grund hat, auch beim Essen. Diesen gilt es, herauszufinden. Dabei ist wichtig, mit dem Kind in Kontakt und Austausch zu sein: «Ah, hast du Spass? Bist du fertig, zeigst du mir, dass du nicht mehr magst?» Vielleicht ist es dem Kind auch zu ruhig, vielleicht ist es aufgekratzt, weil davor viel lief, vielleicht findet es toll, dass das Gegenüber reagiert. Es gibt so viele Gründe! Je nachdem, was dahintersteckt, können Eltern diese Gründe benennen und allenfalls Alternativen aufzeigen.

Was wäre so eine Alternative?
Sucht es damit zum Beispiel Kontakt, können wir zeigen, dass wir auch mit dem Blick, Worten oder den Händen kommunizieren können. Natürlich gibt es aber auch Momente, in denen der Austausch nicht klappt, weil das Kind etwa zu müde ist oder in einer Phase, in der es gerade mit vielen anderen Entwicklungsschritten beschäftigt ist. Dann ist es möglicherweise besser, dem Kind Ruhe zu gönnen und daran zu denken, dass das Lernen am Tisch für die Kleinen ganz schön anstrengend sein kann.

Wann sollten wir Grenzen setzen?
Nicht jeden Tag haben wir gleich viel Geduld. Wird es uns einmal zu viel, müssen wir diesem Gefühl Beachtung schenken. Schimpfen bringt allerdings nichts. Kinder in diesem Alter können das noch nicht einordnen. Besser ist, unsere Gefühle in Worte zu fassen und die Situation zu klären: «Schau, mich macht das heute hässig, wenn du den Löffel immer runterwirfst. Ich nehme ihn dir nun weg.» Aber mit ruhiger Stimme. Setzen wir Grenzen, sollten wir übrigens auch jeweils erklären, welches Verhalten wir uns stattdessen wünschen. So lernt das Kind, was wir von ihm auch die nächsten Male erwarten. Ausserdem können wir damit Aussagen mit «nein» und «nicht» umgehen, denn es ist ja viel spannender, zu tun, was nicht geschehen sollte. 

Wird es uns einmal zu viel, müssen wir diesem Gefühl Beachtung schenken. Schimpfen bringt allerdings nichts.

Bei Fragen oder Stress am Esstisch dürfen sich Eltern an die Mütter- und Väterberatung oder Erziehungsberatung in den kjz wenden. Wie läuft so eine Beratung ab?
Grundsätzlich gehen wir immer davon aus, dass die Eltern die Experten und Expertinnen sind, denn sie kennen ihre Kinder am besten. Wir gehen daher gerne gemeinsam auf Lösungssuche. Zum Beispiel versuchen wir im Gespräch herauszufinden, was bereits gut klappt, und wie die Eltern diese Erfolge auf andere Situationen übertragen könnten oder welche Bedürfnisse beim Kind dahinterstecken mögen, wenn etwas noch nicht rund läuft. Essen ist ein stetiger Lernprozess und als Erwachsene lernen wir immer mit. Stecken wir einmal fest, helfen manchmal schon ganz kleine Anpassungen.

Von der Milch zur festen Nahrung – Mit Lust und Freude an den Familientisch

Impulsreferat rund um das Thema Brei und Essen. Ein kostenloses Angebot der Mütter- und Väterberatungen in Ihrer Region. Zurzeit beispielsweise in Dietikon, Pfäffikon und Uster.

Essen lernen mit Freude

Austausch mit fachlicher Begleitung rund um den Übergang zu Beikost und Essen am Familientisch. Ein kostenloser Kurs vom kjz Horgen.

Haben Sie einen Tipp, wie all diese Lernerfahrungen Platz haben, ohne die Geduld der Eltern am Esstisch zu stark auf die Probe zu stellen?
Meist lohnt es sich, die Umgebung dem Kind etwas anzupassen. Zum Beispiel mit einem Tischtuch, auf dem Kleckern erlaubt ist, stabilem Geschirr, einem Teppichschoner oder einem griffbereiten Handstaubsauger. Auch können Eltern den Lauf der Dinge mit kleinen Tricks etwas steuern. Zum Beispiel indem zwei Löffel im Einsatz sind, einer (aus Plastik) für das Kind zum Ausprobieren und einer, den sie selbst zum Essengeben nutzen. Oder indem sie nur kleine Portionen aufs Mal anbieten und den Rest vorläufig im eigenen Teller behalten. Ein bisschen Aushalten gehört wohl immer dazu. Je entspannter wir mit der Kleckerei umgehen, desto einfacher gelingt uns das. Und manchmal dürfen wir auch etwas nachlässig sein mit unseren Erwartungen – ein gemeinsames Putzritual zur Grossreinigung am Ende ist meist effizienter, als das stete Bemühen um «schönes Essen» – und macht dabei erst noch mehr Spass.