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Case Management Netz2

Der Weg zum Traumberuf war gepflastert von Hürden und Widerständen

Veröffentlicht am von Oliver Fischer

Als Klara sich mit 14 Jahren daran machen sollte, eine Lehrstelle zu suchen, stand sie bereits vor einem ganzen Berg von Problemen. Sie hatte das Glück, zu Netz2 zu finden. Gemeinsam mit ihrer Case Managerin schaffte sie es, allen Problemen und Widerständen zum Trotz ihren Lehrabschluss als Fachfrau Betreuung zu machen. Das ist ihre Geschichte.

«Der Job macht mir so Spass. Die Babys lachen hören, von ihnen angestrahlt werden – das ist für mich etwas vom Schönsten. Egal wie schlecht es mir vielleicht sonst geht, in dem Moment, in dem ich einen Raum betrete und das Lachen eines Kindes sehe, ist alles andere wie weggeblasen.» Klara (*) ist heute Anfang 20 und hat 2019 die Lehre als FaBe (Fachfrau Betreuung) abgeschlossen. Wenn sie erzählt und mit ihrer Stimme das, was sie in Worten ausdrückt, auch ausstrahlt, käme niemand auf die Idee, dass Klaras Weg zum Lehrabschluss von unzähligen Hindernissen mehr gepflastert war, als bei den meisten Jugendlichen im Kanton Zürich.

Dass sie heute ihren Lehrabschluss in der Tasche hat, verdankt sie – und auch das sagt sie aus voller Überzeugung – ihrer Case Managerin von Netz2. Ein Angebot des Kantons Zürich, das Jugendliche und junge Erwachsene mit sogenannten Mehrfachproblematiken zu einem Sek-II-Abschluss begleitet.

Prekäre Familiensituation und kein Selbstwertgefühl

Bei der damals 14-jährigen Klara war es die familiäre Situation kombiniert mit einem schwer angeschlagenen Selbstwertgefühl, das ihre Zukunft in Frage stellte. Die Eltern, beide stammen aus dem Ausland und der Vater ist wegen eines schweren Unfalls arbeitsunfähig, trennten sich als Klara in der sechsten Klasse war. Ihre Welt brach zusammen. Sie wurde in die Sek C eingestuft, drohte zwischen den familiären Spannungen erdrückt zu werden, erhielt eine Beiständin, besuchte eine Psychologin.

Als es in der zweiten Sek daran ging, sich mit der Berufswahl und der Lehrstellensuche zu beschäftigen, drohte die Situation zu eskalieren. Klara hatte eine ziemlich klare Vorstellung, was sie machen möchte: Mit Kindern arbeiten. Ihre Familie, vor allem der Vater, war dagegen. Gleichzeitig nagten Selbstzweifel an der 14-Jährigen, die an ihren Eltern hing und sich nicht traute, gegen deren Widerstand anzukämpfen. Die Beiständin von Klara stellte darum den Kontakt zu Netz2 her.

Gegen die eigene Familie durchgesetzt

Isabel von Beckerath hatte damals gerade als Case Managerin bei Netz2 angefangen. Klara wurde ihr allererster Fall. Sie erinnert sich gut an den Anfang der Zusammenarbeit: «Sie war eine ängstliche, verunsicherte Schülerin, die keine allzu gute Meinung von sich selbst hatte. Dabei hatte sie einen sehr klaren Berufswunsch, der aber von ihrem Umfeld nicht akzeptiert wurde.» Gemeinsam haben die Case Managerin und ihre 14-jährige Klientin so manchen Streit mit der Familie ausgefochten und sich schliesslich durchgesetzt.

Dank gemeinsamer Anstrengungen klappte es bald einmal mit einem ersten Praktikum in einer Kinderkrippe. Diesem folgte ein zweites und schliesslich die Lehrstelle als Fachfrau Betreuung. Während diese Entwicklung den gewünschten Weg nahm, begannen sich an anderen Stellen weitere Probleme aufzutürmen. Der Weg zum Lehrabschluss blieb für Klara weiterhin steinig und von grossen Hürden geprägt.

Gesundheit und Geld

Während ihr die Arbeit an sich und der Lehrbetrieb sehr gut gefielen, gab es mit Arbeitskolleginnen oder der Chefin immer wieder Reibereien. Die Belastung von Arbeit, Schule und Familie brachten die junge Frau an ihre gesundheitlichen Grenzen, zumal auch der Konflikt zuhause nicht plötzlich aus der Welt geschafft war. Die verschiedenen Konfliktherde schlugen Klara auf die Psyche, sie schrammte an einem Burnout vorbei, begann Medikamente zu schlucken, die ihr nicht nur gut taten.

Dazu kamen eine sich mehrfach verändernde Wohnsituation und schliesslich finanzielle Probleme. Die Kinderrente wurde lange nicht ausbezahlt, es fehlte an Geld, Rechnungen blieben unbezahlt, Mahnungen türmten sich auf. Schliesslich flatterte eine Betreibung ins Haus. Lange Zeit getraute sich Klara nicht, ihrer Case Managerin davon zu erzählen. «Ich habe mich so fest geschämt deswegen», sagt sie rückblickend. Schliesslich setzten sich Klara und ihre Case Managerin zusammen und brachten Ordnung in den am Ende beträchtlichen Stapel Briefe mit Rechnungen und Mahnungen, und gingen auch zusammen aufs Betreibungsamt. «Ich war wirklich froh, als du mir davon erzählt hast. Aber du hast dich so geschämt, dass du es mir sehr lange nicht erzählen wolltest», erinnert sich Isabel von Beckerath.

Gemeinsam nahmen die beiden eine Hürde nach der anderen. Im Sommer 2019 schloss Klara ihre Lehre schliesslich erfolgreich ab. Seither arbeitet sie weiterhin in derselben Krippe, in der sie schon Praktikum und Lehre gemacht hatte. Das Ziel der Netz2-Betreuung wurde damit erreicht, die Zusammenarbeit der beiden Frauen beendet. Friede, Freude, Eierkuchen gilt für Klara allerdings noch nicht.

Ein Weg ist zu Ende, der neue noch unklar

Zwar ist klar, dass Klara den richtigen Beruf gewählt und gelernt hat. Aber die wiederkehrenden Reibereien am Arbeitsplatz machen ihr zu schaffen. Und auch die Diskussionen in der Familie sind mit dem Lehrabschluss nicht einfach vorbei. Wie es in den nächsten Jahren in ihrem Leben weitergeht, davon kann sich Klara noch keine konkrete Vorstellung machen. Und anders als während ihrer sechs Jahre bei Netz2, steht Isabel von Beckerath nicht mehr an ihrer Seite. Zum ersten Mal kann sie sich nicht automatisch auf diese Hilfe und Motivation verlassen, ohne die sie ihren Lehrabschluss nicht geschafft hätte, wie sie ohne Anflug eines Zögerns sagt.

Wobei, so ganz haben sich beide wohl auch ein Jahr nach dem Abschluss noch nicht daran gewöhnt, dass sie kein Team mehr bilden. «Du hast schon so vieles geschafft. Und in der ganzen Zeit waren Veränderungen immer wieder gut für dich. Jetzt hast du den Lehrabschluss, verdienst dein eigenes Geld. Vielleicht ist jetzt auch langsam der Zeitpunkt gekommen, über den nächsten Schritt nachzudenken», sagt die Case Managerin, und klingt dabei, als wäre sie wieder mitten in einem Beratungsgespräch. «Klar, Veränderung ist auch oft schwierig, aber manchmal muss man zurück auf Start.» Und das würde heissen, Bewerbungen zu schreiben. Damit würde sich für Klara ein Kreis schliessen und gleichzeitig wäre es ein Aufbruch auf eine neue Reise in ihrem Leben – ohne Netz2.

* Name geändert

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