Das sagt der kjz-Experte

Wenn Eltern Kinder hinters Licht führen – welchen Wert hat der Samichlaus als Figur?

Der sechste Dezember naht und die Aufregung unter Kindern steigt oft ins Unermessliche: Was weiss der Samichlaus bloss alles über mich? Eltern führen den Nachwuchs dabei ganz schön hinters Licht. Ist das aus erzieherischer Sicht etwas Gutes? Der Psychologe und kjz-Experte Claude Ramme gibt Antwort.

Claude Ramme, ist der Glaube an eine allwissende Figur für Kinder etwas Gutes?
Aufwachsen bedeutet auch Aneignung von Weltwissen – also von Wissen darüber, wie ich mich in einer sich ständig ändernden Welt bewegen kann. Dabei gilt: Wer einen Wissensvorsprung hat, beeindruckt. Daher beeindruckt auch der Samichlaus – zumindest so lange, wie er mit Wissen glänzen kann. Sobald ein Kind durchschaut, dass auch der Samichlaus nur mit Wasser kocht, beeindruckt er eben nicht mehr. Das muss nicht einmal gross bewertet werden als etwas Gutes oder Schlechtes. Nur wo negative Inhalte entstehen, also bei einem strafenden Samichlaus, ist die Fantasiefigur etwas Schlechtes.

Schadet es auch nicht, wenn Kinder merken, dass sie von den eigenen Eltern getäuscht wurden?
Erst Täuschung, dann Ent-Täuschung – also Anerkennen der Realität. Ein grosser Schritt für jedes Kind. Enttäuschung mag zwar mitschwingen, aber ich glaube nicht, dass dabei Schaden angerichtet wird und der Zauber, der damit einhergeht, ist viel wert. Wenn ich Illusion höre, denke ich auch an Zauberer, die uns mit unglaublichen Fähigkeiten bezaubern. Mich fasziniert das heute noch: Kartentricks, Hasen, die aus Zylindern auftauchen, Tiger, die verschwinden. Ich bibbere immer wieder, wenn es ans Zersägen eines Menschen geht, wohlwissend, dass niemand wirklich zersägt wird. Der Samichlaus ist ja nichts anderes als ein Rollenspiel – und wir wissen: Die meisten Kinder lieben Rollenspiele.

Wie sollen Eltern reagieren, wenn Kinder allmählich beginnen, skeptisch zu werden?
Mit Humor. «Was? Den gibt es nicht? Wie kommst du denn darauf? Und ich habe immer daran geglaubt.» Und dann aus der Reaktion des Kindes das nächste Verhalten ableiten. Eltern können dem Kind auch gratulieren: «Gratuliere, jetzt bist du schon bald erwachsen.» Kinder reagieren darauf ihrerseits gewitzt. Oder: «Also gut, den Samichlaus gibts nicht – und jetzt? Wie gehts weiter?»

Gibt es einen kritischen Zeitpunkt, an dem Eltern spätestens aufklären sollten?
Solange Kinder an den Samichlaus glauben oder glauben wollen, dürfen sie das auch. Wir Erwachsenen glauben unglaublich viele Sachen, die weder Hand noch Fuss haben – und leben in der Regel nicht schlecht damit. Die meisten Kinder merken irgendwann, dass sie den oder die da vorne kennen. Die Stimme gleicht der von Onkel Max. Spätestens wenn Onkel Max aufkreuzt, nachdem der Samichlaus gegangen ist, werden Kinder ein bisschen misstrauisch, stellen vielleicht Fragen. Und dann kann ich ja wieder mit Humor reagieren: «Onkel Max? Wo denkst du hin?» Kinder sind schlau, sie erkennen, ob ich es ernst meine oder nicht.

Wie sollen Eltern damit umgehen, wenn sich Kinder fürchten, etwa vor dem Schmutzli?
Das ist nicht ganz einfach. Wenn Eltern den Schmutzli aus erzieherischen Gründen einladen, gälte es, sie davon zu überzeugen, dass sie damit tatsächlich Ängste schüren, die nachhaltiger sind als der Samichlaus an sich. Ansonsten ist es ähnlich wie bei anderen Ängsten, etwa vor dem Monster unter dem Bett: Ich nehme das Kind ernst, schaue mit ihm zusammen oder auch alleine unters Bett, lasse das Kind erkennen, dass da kein Monster ist. Wenn das nicht hilft, geht es darum, wie das Kind dem Monster begegnen kann. Es zum Beispiel in die Flucht schlagen. Kinder erfahren sich dann als selbstwirksam. Nun können wir den Schmutzli natürlich nicht einfach in die Flucht schlagen, wenn wir als Eltern ihn eingeladen haben. Also müssen Eltern erst einmal definieren, wen sie da eigentlich einladen.