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Familien-Alltag in ständiger Veränderung

Raus aus dem Lockdown und «zurück in die Zukunft»

Veröffentlicht am von Martin Gessler, AJB

Der Lockdown mit seinen Ungewissheiten und die ständigen Anpassungen an die veränderte Lebenssituation, brachte viele Familien an ihre Grenzen. Nun wecken die Lockerungen die Hoffnung auf einen «normalen» Alltag. Den Weg dahin zu finden, ist die nächste Herausforderung für Mütter und Väter.

Schulen zu, Krippen geschlossen, Dienstleistungen heruntergefahren, Bahn- und Flugverkehr stillgelegt: Der Lockdown brachte im März das öffentliche Leben zum Erliegen. Umso mehr waren die Familien gefordert, weil sich dort alles abspielte, was sonst ausserhalb stattfindet: Schule, Arbeit, Freizeit, soziale Kontakte. Das Leben und Erleben konzentrierte sich auf die eigenen vier Wänden: Vergnügen und Unterhaltung ebenso wie Meinungsverschiedenheiten, Ärger und Auseinandersetzungen.

Leben zwischen Nestwärme und Hausarrest

Die Einschränkungen des Lockdown lösten ganz unterschiedliche Gefühle aus. Die einen Familien sind zusammengerückt, Mütter und Väter haben eine neue Nähe mit ihren Kindern erlebt und es geniessen können, dass viele Einflüsse und Störungen von aussen weggefallen sind. Anderen ist die Decke auf den Kopf gefallen, weil man sich nicht ausweichen konnte: Homeschooling und Homeoffice unter einem Dach, verbunden mit der Angst um Arbeitsplatz, Einkommen, oder den Anschluss zu verpassen an Schule und Lehrstelle. Fehlende Kontakte zu Schulgspänli, Sportkollegen und Freundinnen führten zu seelischer Unterernährung und explosiver Stimmung. Je nachdem freut oder verunsichert nun der «Weg zurück».

Zerrissen zwischen arbeiten und Kinder betreuen

Vier Wochen sollten die Primarschulen im Minimum geschlossen bleiben, sechs sind es geworden und die Ungewissheit bis zu diesem Entscheid kostete weitere Nerven. Als der Schulbetrieb am 11. Mai in Halbklassen wieder startete, mussten viele Mütter und Väter weiterhin einen Spagat schaffen, um die eigene Arbeit zu erledigen und die Kinder zu betreuen. Und Kinder waren enttäuscht, wenn sie in ihrer Halbklasse ihre liebsten Gspänli nicht getroffen haben. Unterdessen funktioniert die Schule weitgehend wie üblich. Das heisst, dass jede Familie sich wieder auf einen neuen Alltag einstellen musste und immer noch muss. Auch mit gewissen Unsicherheiten, wie die «neue Normalität» nun aussieht. Denn der Weg in den Alltag führt nicht zurück ins vertraute Leben, das Coronavirus hat unsere Welt verändert.

Regeln geben Orientierung

Die veränderten Regeln im öffentlichen Leben veränderten auch unseren Erziehungsalltag. Die elektronischen Medien zum Beispiel wurden zu Arbeitsgeräten, dienten zur Beschäftigung, zur Freizeitgestaltung und dazu, wenigstens ein bisschen den Kontakthunger zu stillen. Aber wie kommt man nun zur alten Ordnung mit geregelten Bildschirmzeiten zurück ohne Schimpfen und Geschrei?

Das unfreiwillige Zusammenkleben der Familienmitglieder kann alle Erziehungsgrundsätze erschüttert haben. Weil die Stimmung ohnehin schon angeheizt war, wollte man als Mutter oder Vater die Kinder nicht ständig zurechtweisen. Oder man war zu erschöpft, neben der eigenen Arbeit den ganzen Tag Kinder zu beschäftigen und ein offenes Ohr und waches Auge auf sie zu haben, um ordnend und helfend eingreifen zu können. Wäre nicht jetzt die Besinnung auf die alten Erziehungsregeln notwendig? Zu Bewährtem zurück zu kehren kann Sicherheit und Halt geben.

Das Leben verändert Regeln

Weil Kinder sich entwickeln, müssen Familienregeln immer wieder verändert werden, damit sie das Zusammenleben erleichtern und nicht behindern. Oder möchten Sie als Eltern einen Teenager in den Schlaf singen? Das Familienleben verändert sich ständig, auch ohne Corona. Die Eltern müssen körnchenweise Verantwortung abgeben, damit Kinder lernen, Verantwortung für sich selber zu übernehmen. Vielleicht ist mit den Lockerungen des Lockdown die Zeit gekommen, um die eine oder andere Erziehungsregel anzupassen an den neuen Entwicklungsstand der Familienmitglieder? Und dafür gemeinsam neue Regeln zu erarbeiten? Kinder, unabhängig von ihrem Alter, beeinflussen mit ihren Anliegen und ihrer Stimmung die Familienatmosphäre. Sie kooperieren aber viel besser, wenn sie miteinbezogen, ihre Anliegen angehört werden, als wenn ein Familienoberhaupt die Regeln auf Biegen und Brechen diktiert.

Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen

Als Mutter oder Vater weiss man nie zum Vornherein, was in einer neuen Erziehungssituation das Richtige ist. Mit dem ersten Schrei des Babys beschäftigen sich Eltern damit, herauszufinden, was dem Kind fehlt, wenn es sich aussergewöhnlich verhält. Das können Eltern nicht sofort erkennen, sondern finden mit der Zeit heraus, weshalb das Baby schreit. Weil es Hunger hat. Oder weil es müde ist und nicht einschlafen kann. Weil ihm langweilig ist. Weil es Trost und Nähe braucht. Oder weil …
Welches Bedürfnis steckt dahinter, wenn Kinder und Teenager sich «unmöglich» benehmen, aggressives Verhalten zeigen oder verstummen? Vielleicht sind sie enttäuscht oder wütend. Oder sie wurden blossgestellt und beschämt. Oder müssen Dampf abzulassen, weil sie verärgert und frustriert sind. Oder …

Versöhnlich mit Fehlern umgehen

Kinder erziehen und das Familienleben gestalten geht immer über Versuch und Irrtum. Bei jeder neuen Erziehungssituation müssen wir uns als Eltern für eine Reaktion entscheiden und merken erst im Nachhinein, ob sie hilfreich war. Um Fehler zu vermeiden braucht man Erfahrung. Um Erfahrungen zu machen, muss man Fehler begehen. Das gilt für uns alle, für uns als Mütter und Väter und für unsere Kinder.

Die Belastung im Lockdown war für Familien hoch. Die Rückkehr in den neuen Alltag ist beschwerlich. Helfen würde es, wenn wir lernen, liebevoll mit den eigenen Irrtümern und jenen der anderen umzugehen. Das fällt niemandem leicht.

Doch es gibt einen Ort, der geschaffen ist, das zu lernen: Die Familie. Weil die Beziehung zwischen Eltern und Kind unkündbar ist. Weil der liebevolle Umgang miteinander der Ursprung der Familie ist. Und ihre Ressource.

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