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«Mama, warum ist Layla schwarz?»

Sprechen Sie mit Ihrem Kind über Rassismus

Veröffentlicht am von Oliver Fischer

Kinder fragen viel, wenn der Tag lange ist. Aber manche Themen soll man, auch wenn es keine leichte Kost ist, nicht umgehen. Rassismus, Diskriminierung und Vorurteile sind solche Themen. Gerade weil sie nicht einfach sind, sind sie umso wichtiger. Und Eltern können sehr viel Gutes erreichen, wenn sie geschickt an die Sache ran gehen.

Wohl nur die allerwenigsten Menschen in der Schweiz würden sich selbst als Rassisten bezeichnen. Und dennoch existiert Rassismus in unserer Gesellschaft als etwas alltägliches, meistens einfach nicht direkt an der sichtbaren Oberfläche unserer Lebenswelt. Das hat sich in den letzten Wochen durch die auch in Europa und der Schweiz immer regelmässigeren und lauteren Black-Lives-Matter-Demonstrationen geändert. Wir kommen nicht drum herum, Rassismus als etwas auch in unserer Mitte Reales wahrzunehmen.

So wie Erwachsene kommen auch Kinder in direkten Kontakt mit dem Thema. Sei es, weil sie die Demonstrationen mitbekommen, zuhause im Radio oder TV Nachrichten hören oder weil es im Kindergarten oder der Schule auf dem Pausenplatz ein Thema ist. Uns Eltern stellt sich damit die Frage: Wie sprechen wir mit unseren Kinder über Rassismus – und Diversität, Ungleichheiten, Ungerechtigkeit und Diskriminierungen ganz generell? Eben, kein leichtes Thema, aber ein enorm wichtiges.

Die eigenen Vorurteile prüfen

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie Sie reagieren, wenn Sie mit Fremdem konfrontiert sind? Sind Sie wirklich offen und tolerant und unvoreingenommen? Oder gibt es, wenn auch unbewusst, Vorurteile bei Ihnen? Es ist wichtig, sich das zu vergegenwärtigen, denn Sie als Eltern sind Vorbild für Ihre Kinder. Nicht nur darin, was sie sagen, sondern auch darin, wie Sie etwas sagen, und wie Sie auf Menschen, Situationen und Fragen reagieren, beeinflussen Ihre Kinder. Doris Frei, Erziehungswissenschaftlerin am Marie Meierhofer Institut für das Kind, beschreibt das Problem im Bulletin Tangram der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus: «Weichen Eltern Kinder-Fragen zu einem Thema aus, weil sie dieses selbst unangenehm finden, werden die Kinder das Thema ebenfalls als unangenehm und unnormal, als ein Tabu verstehen.»

Vom Gemeinsamen zu den Unterschieden

Kinder nehmen Unterschiede anders wahr, als Erwachsene, unvoreingenommen. Sie haben noch keine Vorurteile gelernt. Das heisst aber nicht, dass sie Unterschiede gar nicht wahrnehmen würden. Der Schweizer Psychologe Jean Piaget hat das in seinen Forschungen schon vor über 100 Jahren festgestellt. Sichtbare Unterschiede bedeuten aber nicht reale Ungleichheit. Diese entsteht erst durch den gesellschaftlichen Umgang mit Unterschieden. Oder einfach gesagt: Kein Mensch wird mit Rassismus geboren, man lernt ihn im Laufe seiner Kindheit und Jugend – oder eben nicht.

Wenn Eltern mit ihren Kindern über Rassismus oder Diskriminierung sprechen, ist es darum wichtig, zunächst über Gemeinsamkeit zu sprechen und über Zugehörigkeit. Von den Gemeinsamkeiten kann man dann übergehen zu Unterschieden und Diversität. Weder wir Eltern noch unsere Kinder sollen so tun, als würden sie Unterschiede nicht wahrnehmen, das werden wir immer. Unterschiede zwischen Menschen und Diversität sollen aber als etwas Gutes, Bereicherndes, Positives empfunden werden. Und nicht als etwas, das uns in normal und unnormal, mehr oder weniger wert unterteilt oder wovor man gar Angst haben müsste.

Die Lebenswelt der Kinder ansprechen

Damit Kinder ein Thema als etwas Echtes wahrnehmen und verstehen, muss es mit ihrer unmittelbaren Lebenswelt zu tun haben. Es ist also wichtig, dass ein Gespräch über Diversität und Rassismus in der Lebenswelt der Kinder verankert ist. Bereits in der Kita oder Krippe, spätestens aber mit dem Eintritt in den Kindergarten und dann die Schule, lernen Kinder Diversität und Unterschiede kennen. Hier liegen unzählige Anknüpfungspunkte, um den Kindern ein positives, offenes und angstfreies Grundgefühl gegenüber allen Menschen, egal wie unterschiedlich sie sind, zu vermitteln.

Ein Gespräch allein reicht nicht

Mit einem oder zwei Gesprächen über Diversität, Gemeinsamkeiten und Ungleichheiten und Rassismus ist es aber nicht getan. Damit Kinder Diversität als bereichernd und selbstverständlich empfinden, muss sie ein ganz normaler Teil ihres Lebens sein. Nicht nur im Kindergarten, sondern auch zuhause, in ihrem kindlichen Alltag, in dem Spielsachen, Puppen und Kinderbücher jene Diversität repräsentieren, die sie auch draussen in der Welt erleben.

Gemeinsam lernen

Wir Erwachsenen meinen ja oft, wir hätten die Welt verstanden. Als Eltern bekommen wir das Privileg, die Welt, zusammen mit und durch die Augen unserer Kinder, noch einmal neu zu entdecken. Nutzen wir also diese Chance auch bei gesellschaftlichen Themen, noch einmal einen gemeinsamen Lernprozess mit unseren Kindern zusammen zu erleben. Eignen wir uns neues Wissen zusammen mit ihnen an. Lesen wir Bücher, erzählen wir Geschichten, die uns und unsere Kinder in Sachen Diversität, Rassismus, Gleich- und Ungleichheit und Diskriminierung etwas lehren.

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