«Nur noch fünf Minuten!»

So regelt der Väterberater zuhause die Bildschirmzeiten – und so finden das seine Söhne

Väter­be­ra­ter Dani Bünter findet Medi­en­er­zie­hung ganz einfach. In der Theorie. Im echten Leben aber unglaub­lich anstren­gend. Allein schon deshalb, da er als Vorbild voran­ge­hen sollte. Wie macht er das also mit der Theorie in der Praxis? Und wie finden die Söhne (11 und 13) seine Ideen?

Dani Bünter, welche Regeln gelten bei Ihnen zuhause rund um Gamen und Co.?
Was wir versu­chen, konse­quent einzu­hal­ten: keine Geräte am Esstisch und in den Schlaf­zim­mern, auch nicht bei uns Eltern. Auch ist das Inter­net für die Kinder zwischen 21 Uhr und 8.30 Uhr gesperrt, am Wochen­ende zwischen 22 Uhr und 9 Uhr.

Ihr Eltern habt also abends auch kein Inter­net?
Zu Beginn, ja. Irgend­wann war das aber doch unprak­tisch. Also haben wir nun zwei WLANs: eines für die Kinder und eines für uns Eltern. Über das WLAN der Jungs habe ich im Blick, wo und wie lange sie unge­fähr herum­sur­fen, etwa ob sie Videos auf Youtube schauen oder Musik strea­men. Auch kann ich den Zugang für jedes Kinder­ge­rät einzeln einstel­len oder einschrän­ken, falls das einmal nötig ist. Die beiden Jungs wissen, dass wir zwischen­durch auf diese Über­sicht schauen und Auffäl­lig­kei­ten anspre­chen. Zudem haben wir ihnen einen Filter für alters­ge­mässe Inhalte auf ihren Geräten installiert.

«Zum Teil isch en Ischränkig guet, aber zum Teil au nöd.» – Nino (11)


Das klingt nach stren­ger Kontrolle.
Jein. Alles ist ein stän­di­ges, heraus­for­dern­des Abwägen zwischen unserer elter­li­chen Verant­wor­tung sowie Frei­raum und Selbst­be­stim­mung der Kinder, die wir ja auch fördern und respek­tie­ren wollen, zwischen Regu­lie­rung, Schutz, Aufklä­rung und Bestär­kung. Dabei wollen wir nichts rigoros verbie­ten, da Verbote aus meiner Sicht nie hilf­reich sind. Wir haben die Erfah­rung gemacht, dass es für die Jungs einfa­cher ist, wenn nicht wir Eltern, sondern die Technik ihnen die Zeiten vorgibt. Sagt das Gerät, das Ende der Bild­schirm­zeit ist erreicht, führt das viel weniger zu Diskus­sio­nen. Das ist prak­tisch. Gleich­zei­tig finden wir es aber auch entschei­dend, immer wieder den Austausch mit ihnen zu suchen.

Wie pflegst du diesen Austausch genau?
Wir thema­ti­sie­ren mit ihnen regel­mäs­sig die Möglich­kei­ten und Risiken der Medi­en­nut­zung. Im Moment sind beim älteren Sohn gerade Klas­sen­chats ein Thema. Also sitzen wir zwischen­durch mit ihm hin und schauen diese Chats zusam­men an, wenn sich eine Situa­tion anbie­tet. Unser Wunsch­den­ken ist: Falls es zu über­grif­fi­gem Verhal­ten in so einem Chat oder Online-Forum kommen sollte, sollen sich unsere Söhne getrauen, sich uns damit anzuvertrauen.

«Ich cha nöd eifach neui Games abelade. Ich mues immer zerscht en Afrag stelle.» – Noah (13)


Hast du noch ein anderes Beispiel?
Einmal war der Youtube-Konsum gemäss WLAN-Daten extrem hoch. Also bespra­chen wir gemein­sam, warum Formate wie Youtube-Shorts Spass machen, allen­falls aber auch einen Abhän­gig­keits­fak­tor haben, warum das so sein könnte und wie sie damit umgehen können. Manch­mal schauen wir in diesen Fällen zusam­men, ob es sinn­voll sein könnte, den Konsum eine Weile lang tech­nisch einzu­schrän­ken, oder ob sie ihn ander­wei­tig wieder in den Griff bekom­men und wie. Dabei mache ich mir natür­lich den Gefal­len, nicht dann mit ihnen zusam­men­zu­sit­zen, wenn sie eh schon etwas muff sind.

Und das klappt immer genau so, wie abge­macht?
Naja, sie sind auch gewitzt, können unsere tech­ni­schen Barrie­ren zum Teil umgehen. Auch ist das Kirch­ge­mein­de­haus mit dem nächs­ten offenen WLAN gerade einmal 20 Schritte von uns entfernt … Offene Netz­werke findet man überall! Dann ist wohl das Rezept, nicht nur zu bedau­ern, sondern auch ein Stück weit stolz auf ihre Clever­ness und Medi­en­kom­pe­tenz zu sein.

«Ich würd mier 40 Minute Bildschirmziit pro Tag wünsche.» – Nino


Das klingt alles so harmo­nisch und einfach.
Ist es auch. In der Theorie. Doch ich würde sagen, wir haben fast täglich Diskus­sio­nen, wenn nicht gar Konflikt­po­ten­zial. Es nimmt so viel Raum ein, immer und immer wieder sagen zu müssen: «Leg das Gerät jetzt bitte weg», «Bist du nicht etwas zu viel dran?» Ich empfinde Medi­en­er­zie­hung als extrem anspruchs­voll und bin dabei auch persön­lich gefor­dert: Ich muss ja selbst Vorbild sein, bin aber gar kein gutes! Das Gerät hat oft auch mich im Griff, statt umge­kehrt, etwa auf Insta­gram oder mit meinem Tick, E-Mails bereits vor dem Früh­stück jeweils kurz zu checken. Dann kommen all diese Eltern­chats dazu, bei denen ich aktuell bleiben muss, etwa von Verei­nen der Kinder oder von der Schule, wo ein Gross­teil der Kommu­ni­ka­tion heute digital statt­fin­det.

Gleich­zei­tig hilft mir das auch, Nach­sicht mit meinen Söhnen zu haben. Sie nicht vorschnell zu verur­tei­len, wenn sie einmal zu fest gefan­gen sind in der Online-Welt, und statt­des­sen zu sagen: Es ist halt brutal schwie­rig – wenn es selbst uns Erwach­se­nen so geht. Obschon unsere Selbst­re­gu­la­tion rein entwick­lungs­tech­nisch viel ausge­präg­ter sein sollte.

5 Tipps vom Väter­be­ra­ter

  1. Tech­ni­sche Regu­lie­run­gen* helfen. Wenn die Bild­schirm­zei­ten vom Gerät vorge­ge­ben sind, sind sie von Kindern meist leich­ter zu akzep­tie­ren.
  2. Sich bewusst sein, dass das Thema schwie­rig ist. Gerade auch, weil die Selbst­re­gu­la­tion von Kindern noch nicht so weit entwi­ckelt ist.
  3. Im Konflikt nicht disku­tie­ren. Und dabei in Kauf nehmen, «blöd» zu sein aus Sicht des Kindes.
  4. Handy­park­platz einrich­ten. Unser Sohn hat mit seinem 3D-Drucker ein Handy­ge­fäng­nis gedruckt. So ausge­fal­len muss der Park­platz natür­lich nicht sein, gemeint ist, dass es einen gemein­sa­men Ort für eine Gerä­te­pause gibt. Und wenn die Eltern mitma­chen, klappts meist noch reibungs­lo­ser. (Anmer­kung der Söhne: Wär’s auch gleich eine Lade­sta­tion, wäre das schon noch etwas besser …)
  5. Bild­schirm­freie Zeiten einbauen. Zum Beispiel keine Geräte über Nacht im Schlaf­zim­mer haben. Oder am Wochen­ende oder in den Ferien einmal bewusst das Gerät wegle­gen. Das ist nicht nur für Kinder befrei­end, sondern auch für uns Erwach­sene. Heute ist es entschei­dend, die Verhält­nis­mäs­sig­keit zwischen Offline- und Online-Zeiten zu wahren. 

*Je nach Betriebs­sys­tem gibt es unter­schied­li­che Lösun­gen, oft bereits instal­liert im Gerät. Aller­dings: Die Anwen­dun­gen sind nicht beson­ders einfach, gute Infor­ma­tion braucht Zeit. Unter­stüt­zung gibt es zum Beispiel bei zischtig.ch.

Handy­ge­fäng­nis aus dem 3D-Drucker, erstellt von Noah; Bild: Dani Bünter

Und was machst du konkret, wenn sie zu fest gefan­gen sind, noch­mals die berühm­ten «nur noch fünf Minuten» weiter­ga­men?
Die Patent­lö­sung habe ich nicht – leider. Szenen rund um den Bild­schirm können echt schnell emotio­nal werden und eska­lie­ren. Was dann in meinen Augen wenig bringt, sind Diskus­sio­nen. Lieber bleibe ich so gut wie möglich konse­quent und suche das Gespräch später in Ruhe. Auch wenn das halt in dem Moment bedeu­tet, in den Augen meines Sohnes «blöd» zu sein, gar «extrem gemein».

«Ich bi eher dä, wo experimentiert, wie mer d'Ischränkig cha umgah.» – Noah


Anek­dote aus dem Fami­li­en­all­tag des Väter­be­ra­ters

«In den Sommer­fe­rien passierte es, dass mein Telefon am zweiten Tag schwarz wurde. Die ersten drei Stunden rannte ich fast panisch herum auf der Suche nach einer Handy­kli­nik, fragte mich hände­rin­gend, wie ich nun navi­gie­ren, wie Feri­en­fo­tos machen kann. Bis meine Frau zu mir sagte, das könne doch alles auch sie über­neh­men. So musste ich merken – Feri­en­ma­chen funk­tio­niert tatsäch­lich auch ohne mein Gerät. Und so wurden diese Ferien uner­war­tet zu zwei wahn­sin­nig entspann­ten Wochen. Zumin­dest für mich.»

Daniel Bünter ist der erste Väterberater im Kanton Zürich.

Daniel Bünter

Daniel Bünter ist der erste Väterberater im Kanton Zürich. Der gelernte Konstrukteur war lange Zeit in der Kinder- und Jugendarbeit tätig und hat 2010 das Studium in Sozialer Arbeit abgeschlossen. Er verfügt dank Weiterbildungen und Berufspraxis über Erfahrung in ressourcen- und lösungsorientierter Beratung und im Case Management. Daniel Bünter ist Vater von zwei Kindern im Primarschulalter.