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Kinder bekommen oft mehr mit, als Erwachsene denken. Wenn Streit, Angst oder Gewalt das Familienleben prägen, kann sie das stark belasten – auch wenn die Aggressionen nicht gegen sie selbst gerichtet sind.
Meinungsverschiedenheiten und Streit zwischen den Eltern gehören zum Familienleben. Belastend wird es, wenn Konflikte anhalten, der gegenseitige Respekt verloren geht und Abwertungen, Drohungen, Einschüchterung oder körperliche Gewalt dazukommen. Dann sind auch die Kinder betroffen. Denn zu Hause sind sie darauf angewiesen, sich sicher und geborgen zu fühlen.
Babys merken sehr früh, wenn zuhause die Stimmung kippt. Bereits im Mutterleib nimmt das Ungeborene Spannungen wahr und schüttet Stresshormone aus. «Je höher der Stresspegel, desto stärker wird die gesunde Entwicklung des Kindes schon während der Schwangerschaft gestört», sagt Regula Kupper, Leiterin kjz Winterthur.
Schon die Kleinsten spüren die Anspannung
Babys verstehen nicht, weshalb die Eltern streiten. Sie nehmen aber laute Stimmen, Angst, Wut und die innere Unruhe ihrer Bezugspersonen wahr. Auch wenn die Gewalt nicht gegen sie selbst gerichtet ist, reagieren Körper und Psyche auf die bedrohliche Situation mit Stress. Regula Kupper erklärt es so: «Die anhaltende Anspannung kann die psychische und soziale Entwicklung von Kindern enorm belasten. Besonders verletzlich sind Babys und Kleinkinder. Denn je jünger ein Kind ist, desto weniger kann es das Erlebte einordnen. Es ist emotional noch sehr abhängig von seinen Bezugspersonen und hat noch keine eigenen Bewältigungsstrategien oder Erklärungen dafür.
Anders ist es bei einem Schulkind. Es hat sich sicher schon einmal mit einem Gspänli gestritten und weiss, dass man am nächsten Tag wieder unzertrennlich sein kann. Ältere Kinder haben die Möglichkeit entwickelt, die Situation aus eigener Kraft heraus zu bewältigen.»
Wann Streit zu häuslicher Gewalt wird
Regula Kupper erklärt, dass bei einem Streit nicht die Lautstärke entscheidend ist, sondern die gesamte Familiensituation: Gehen die Eltern grundsätzlich respektvoll und wertschätzend miteinander um? Freut sich die Mama, wenn der Papi nach Hause kommt und umgekehrt? Oder ist die Stimmung dauerhaft gehässig?
Ein einmaliger heftiger Streit ist deshalb nicht mit einer dauernden Gewaltsituation gleichzusetzen. Belastend wird es vor allem, wenn Grenzüberschreitungen wiederholt vorkommen, das Kind nie weiss, was als Nächstes passiert und es sich zuhause nicht mehr sicher fühlt.
Eine Grenze ist erreicht, wenn ein Elternteil den anderen immer wieder abwertet, einschüchtert, kontrolliert oder verletzt.
Kinder können Ironie nicht einordnen
Auch psychische Gewalt kann für Kinder schwer einzuordnen sein. Dazu gehören etwa wiederholte Beschimpfungen, Demütigungen oder ständiges Lächerlichmachen, die später als «war doch nur Spass» abgetan werden. «Das ist besonders schwierig», sagt Regula Kupper, «denn Kinder können Ironie bis ins Jugendalter hinein nicht einordnen oder als solche identifizieren. Ironische Sprüche verwirren sie. Sie versuchen dann die Emotionen der Eltern zu regulieren, indem sie beispielsweise den Clown spielen oder sie zeigen sich hyperaktiv, aggressiv oder weinerlich. Schwelende, unfassbare Konflikte sind für das Kind schwer zu begreifen. Es hat keine Sprache dafür.»
Wie häusliche Gewalt die Entwicklung beeinträchtigt
Studien zeigen, dass chronischer Stress die neurobiologische Entwicklung verändern kann. Das Kind ist in ständiger Alarmbereitschaft, was bei ihm zu Unsicherheit, Ängsten, Orientierungslosigkeit, Hoffnungslosigkeit bis hin zu schwerer Erschöpfung führen kann. Es fehlen dem Kind ausgerechnet die engsten Bezugspersonen, um diese von Stress ausgelösten Faktoren zu mindern.
Regula Kupper beschreibt es so: «Die Entwicklung als Ganzes wird gehemmt, aber die Folgen zeigen sich nicht bei allen Kindern gleich. Einige werden ängstlich, still und ziehen sich zurück. Andere reagieren unruhig, gereizt oder aggressiv. Manche haben Probleme beim Lernen, andere entwickeln Angststörungen oder Depressionen.»
Hinzu kommt: Kinder beobachten, wie ihre Eltern Konflikte lösen und sie gewöhnen sich an eine gewaltvolle Atmosphäre. Erleben sie wiederholt, dass Drohen, Schreien oder Gewalt zum Ziel führen, können sie dieses Verhalten übernehmen und unter Umständen auch gegenüber den Eltern oder anderen Autoritätspersonen anwenden. Als Beispiel nennt Regula Kupper einen 14-jährigen Jungen, der ein neues Handy will. Bekommt er es nicht auf Anhieb, droht er der Mutter mit Gewalt, denn er hat gelernt, dass das so funktioniert. Diese Kinder können im Umgang mit Menschen, sei es in Beziehungen, in der Schule oder im Beruf, massive Schwierigkeiten entwickeln und sich somit Chancen verbauen.
Sozialer Rückzug, Bauchweh oder häufige Konflikte als Warnzeichen
Regula Kupper erklärt weiter, dass sich die Belastung je nach Alter der Kinder anders zeigt: «Einige Babys wirken still und anspruchslos, obwohl sie stark belastet sind. Andere wiederum sind weinerlich, lassen sich kaum trösten. Auch fehlendes Interesse oder Spielfreude können Anzeichen sein, dass etwas nicht stimmt.»
Im Kindergarten- und Schulalter können Konzentrationsprobleme, sinkende Leistungen, Ängste, sozialer Rückzug oder häufige Konflikte hinzukommen. Auch wiederkehrendes Bauch- oder Kopfweh, Bettnässen und Schlafstörungen können Hinweise sein, sagt Kupper.
Bei anhaltender häuslicher Gewalt zeigen sich die Auswirkungen häufig spätestens im Jugendalter mit Schulschwänzen, Drogenkonsum, Selbstverletzungen, depressiven Symptomen bis hin zu suizidalen Äusserungen. Natürlich können diese Symptome auch andere Gründe haben, aber bei anhaltendem Stress in der Familie ist das laut Kupper fast immer eine Folge.
Was hilft Kindern, mit dem Erlebten umzugehen?
Das Kind braucht Erwachsene, die ihm eine Sprache geben, die dem Kind helfen, das Geschehene und seine Gefühle richtig einzuordnen. Man muss altersgerecht erklären, was passiert ist. Dabei sollte für das Kind verständlich werden, was nun geschieht und wer welche Verantwortung trägt. Etwa warum die Polizei gekommen ist oder wieso ein Elternteil die Wohnung verlassen musste.
«Das Kind muss wissen: Jetzt sind die Erwachsenen gefragt, nicht du», sagt Regula Kupper. «Es soll erfahren, dass Gewalt nie in Ordnung ist und dass es nicht verantwortlich dafür ist, einen Elternteil zu schützen oder die Familie zusammenzuhalten.»
Auch ein einfacher Notfallplan kann Sicherheit geben: Wohin darf das Kind gehen, wenn es wieder laut wird? Wen kann es anrufen? Mit wem darüber reden? Das Kind braucht eine verlässliche Bezugsperson ausserhalb der Kernfamilie. Das kann die Grossmutter, der Götti oder eine Nachbarin sein.
Wo gibt es Hilfe?
- Polizei: Bei unmittelbarer Gefahr hilft die Polizei unter der Telefonnummer 117.
- Opferhilfe: Betroffene und ihnen nahestehende Personen erreichen die Opferhilfe rund um die Uhr unter der Telefonnummer 142.
- Opferhilfestellen im Kanton Zürich: Zu Bürozeiten bieten verschiedene Opferhilfestellen kostenlose und vertrauliche Beratung an.
- Fachstelle OKey, Winterthur: Unterstützung im Bereich Opferhilfe und Kinderschutz für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien im Raum Winterthur.
- Beratungsstelle kokon, Zürich: Beratung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die körperliche, psychische oder häusliche Gewalt erlebt haben.