Gewaltfreie Erziehung

Stress im Familienalltag: 15 Wege um die Eskalation

Das Geschrei von Klein-Elio früh­mor­gens, der Wutan­fall von Sofia im Laden, die unge­nü­gende Note von Noah: Oft kippt die Stim­mung mitten im Fami­li­en­all­tag. Unter Druck reagie­ren Eltern manch­mal härter als gewollt. Wie sich solche Momente entschär­fen lassen, zeigen wir anhand typi­scher Szenen aus dem Fami­li­en­all­tag.

Starke Gefühle sind mensch­lich. Sie können über­wäl­ti­gen, recht­fer­ti­gen aber keine Gewalt. Gewalt­freie Erzie­hung bedeu­tet jedoch nicht, alles zu erlau­ben oder in jeder Situa­tion voll­kom­men ruhig bleiben zu müssen. Kinder brau­chen klare Grenzen. Diese durch­zu­set­zen geht ohne Schla­gen, Schüt­teln, grobes Anfas­sen, Einschüch­tern, Demü­ti­gen oder Liebes­ent­zug. Gewalt­freie Erzie­hung heisst: impul­sive, und unüber­legte Reak­tio­nen vermei­den und auch in ange­spann­ten Momen­ten hand­lungs­fä­hig bleiben. Die folgen­den 15 Situa­tio­nen zeigen, wo Konflikte leicht eska­lie­ren können, wie Sie Ihre Emotio­nen im Zaum halten und wie Sie klar, wirksam und gewalt­frei reagie­ren können. Sie sind den Alters­klas­sen «Babys und Klein­kin­der», «Kinder­gar­ten- und Schul­kin­der» sowie «Jugend­li­che» zuge­teilt.

Babys und Klein­kin­der

Unun­ter­bro­che­nes Schreien

Sie haben Ihr Kind gewi­ckelt und gefüt­tert, doch es schreit ständig. Sie sind erschöpft und spüren, dass Sie die Kontrolle verlie­ren. In solchen Situa­tio­nen sind Eltern dazu verlei­tet, das Kind anzu­schreien, grob anzu­fas­sen oder sogar zu schüt­teln. Auch wenn Sie an Ihre Grenzen kommen: Schüt­teln Sie auf keinen Fall Ihr Kind!

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Vermei­den Sie unkon­trol­lierte Reak­tio­nen. Atmen Sie tief in den Bauch, lockern Sie Ihre Hände und Schul­tern und zählen Sie von zehn rück­wärts.
  • Versu­chen Sie, Ihr Kind durch Schau­keln, Singen, Herum­tra­gen oder durch einen Spazier­gang zu beru­hi­gen. Schüt­teln Sie es niemals!
  • Wenn Sie merken, dass Sie die Geduld verlie­ren: Legen Sie Ihr Kind an einen siche­ren Ort, zum Beispiel ins Gitter­bett. Verlas­sen Sie den Raum. Wichtig: Erklä­ren Sie Ihrem Kind, dass Sie sich nun selber beru­hi­gen müssen und dass Sie wieder kommen.
  • Bitten Sie eine vertraute Person um Hilfe. Zum Beispiel für den Einkauf, für eine Stunde Spazie­ren oder Spielen mit dem Kind.
  • Wenn Sie das Schreien kaum noch aushal­ten, holen Sie sich fach­li­che Hilfe. Spre­chen Sie mit einer Mütter- und Väter­be­ra­te­rin des kjz in Ihrer Nähe darüber oder kontak­tie­ren Sie Ihre Kinder­ärz­tin oder Ihren Kinder­arzt.

Trotzen beim Anzie­hen

Sie müssen los, doch Ihr Kind weigert sich, Schuhe und Jacke anzu­zie­hen. Aus einem unge­dul­di­gen «Mach vorwärts!» kann schnell lautes Schimp­fen werden – oder das das Kind wird gegen seinen Willen hastig und unsanft ange­zo­gen.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Treten Sie zurück und benen­nen Sie Ihre Anspan­nung: «Ich bin gerade gestresst, weil … Ich atme kurz durch, dann schauen wir weiter.»
  • Geben Sie Ihrem Kind zwei Möglich­kei­ten zur Auswahl: «Möch­test du den roten oder den blauen Pulli anzie­hen?»
  • Versu­chen Sie zu verste­hen, warum sich Ihr Kind nicht anzie­hen will. Liegt es am Klei­dungs­stück? Steckt ein anderes Bedürf­nis dahin­ter? So treten Sie eher mit ihm in Bezie­hung. Zum Beispiel: «Du magst dich jetzt nicht anzie­hen, weil du länger spielen willst?»

Wutan­fall im Laden

Ihr Kind liegt im Laden schrei­end auf dem Boden, weil es sich kein Spiel­zeug aussu­chen darf. Andere Menschen schauen zu. Scham und Druck können Sie dazu verlei­ten, Ihrem Kind zu drohen oder es grob hoch­zu­zie­hen.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Gehen Sie mit Ihrem Kind an einen ruhigen Ort im Laden.
  • Sagen Sie nur wenig, zum Beispiel: «Du bist wütend. Aber heute kaufe ich dir kein Spiel­zeug. Ich bleibe bei dir.»
  • Verein­ba­ren Sie vor dem nächs­ten Einkau­fen eine klare Regel – zum Beispiel: «Du darfst dir Spiel­sa­chen anschauen, aber wir nehmen nichts davon mit.» Und geben Sie Ihrem Kind eine kleine Aufgabe, um es im Laden mitein­zu­be­zie­hen.

Fehl­ver­hal­ten beim Essen

Sie haben gekocht, doch das Kind nörgelt, spielt mit dem Essen und leert sein Glas aus. In solchen Momen­ten entsteht schnell der Impuls, das Kind zu beschimp­fen, bloss­zu­stel­len oder zum Essen zu zwingen.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Nehmen Sie das Glas ruhig weg und sagen Sie klar: «Das Wasser bleibt im Glas. Für jetzt ist das Essen beendet.»
  • Beschrei­ben Sie das störende Verhal­ten: «Das Herum­spie­len stört mich.» Vermei­den Sie abwer­tende Aussa­gen wie: «Du bist unmög­lich.»
  • Bespre­chen Sie später eine einfa­che Tisch­re­gel, die für alle am Tisch gilt – zum Beispiel, dass man mit dem Essen nicht spielt.

Beissen und treten

Nach einem Nein reagiert Ihr Kind mit Beissen und Treten. Schmerz kann schnell den Impuls auslö­sen, das Kind grob anzu­fas­sen oder zurück­zu­schla­gen .

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Schaf­fen Sie Abstand, stoppen Sie behut­sam die Bewe­gung Ihres Kindes und sagen Sie zu ihm: «Aua, das macht mir weh. Ich will nicht, dass du mich beisst.»
  • Bieten Sie Ihrem Kind eine unge­fähr­li­che Möglich­keit an, seine Wut abzu­bauen – zum Beispiel stamp­fen, ein Kissen drücken oder eine Zeitung zerreis­sen.
  • Spre­chen Sie später über den Auslö­ser: «Du warst wütend, weil ich dir das Tablet wegge­nom­men habe.»

Kinder­gar­ten- und Schul­kin­der

Hefti­ger Streit unter Geschwis­tern

Eines Ihrer Kinder schlägt das andere. In solchen Momen­ten reagie­ren Eltern leicht mit Schreien, grobem Ausein­an­der­reis­sen oder sogar mit einer Ohrfeige, «damit endlich Schluss ist».

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Trennen Sie die Kinder möglichst behut­sam vonein­an­der und sorgen Sie zuerst dafür, dass niemand dem Gegen­über wehtut.
  • Klären Sie die Schuld­frage später und sagen Sie erstmal: «Stopp. Wir spre­chen darüber, wenn wir uns alle beru­higt haben.»
  • Lassen Sie später beide Kinder erzäh­len, was passiert ist. Verein­ba­ren Sie anschlies­send eine ange­mes­sene Wieder­gut­ma­chung und bespre­chen Sie, wie die Kinder beim nächs­ten Streit reagie­ren sollen.

Unge­nü­gende Note

Eine unge­nü­gende Note löst bei Ihnen Sorgen um die schu­li­sche Zukunft Ihres Kindes aus. Vorwür­fen, Abwer­tun­gen oder Verglei­chen können die Reak­tion der Eltern sein.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Sagen Sie zunächst: «Ich bin gerade aufge­bracht. Wir spre­chen heute Abend in Ruhe darüber.»
  • Fragen Sie später: «Was ist dir schwer­ge­fal­len?» Verdeut­li­chen Sie Ihrem Kind, dass die Note unge­nü­gend ist, aber nicht das Kind.
  • Verein­ba­ren Sie einen konkre­ten nächs­ten Schritt, etwa kurze Lern­blö­cke oder ein Gespräch mit der Lehr­per­son.

Vernach­läs­sigte Haus­auf­ga­ben

Ihr Kind hat verspro­chen, mit den Haus­auf­ga­ben zu begin­nen, spielt aber weiter. In solchen Situa­tio­nen reagie­ren Eltern schnell mit Drohun­gen oder Strafen, die keinen direk­ten Bezug zur eigent­li­chen Aufgabe haben.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Beschrei­ben Sie zunächst sach­lich, was Sie beob­ach­ten: «Die Aufga­ben liegen noch da.» Fragen Sie anschlies­send: «Was hindert dich daran, anzu­fan­gen?»
  • Erleich­tern Sie den Einstieg, indem Sie die Aufgabe auftei­len: Mate­rial bereit­le­gen, die erste Rechen­auf­gabe auswäh­len, …
  • Verein­ba­ren Sie gemein­sam eine realis­ti­sche Reihen­folge für Haus­auf­ga­ben und Spielen.

Gebannt vor dem Display

Ihr Kind hält sich nicht an die verein­barte Bild­schirm­zeit. Die Situa­tion kann schnell eska­lie­ren: Es drohen ein Macht­kampf, lautes Anschreien oder grobes Anfas­sen.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Erin­nern Sie Ihr Kind einmal an die verein­barte Regel und die ange­kün­digte Konse­quenz. Setzen Sie diese ruhig und konse­quent um, falls es nicht vom Display lässt.
  • Sind Sie zu wütend, um ruhig zu bleiben, sagen Sie: «Wir spre­chen später darüber.» Nehmen Sie sich zuerst einen Moment, um sich zu beru­hi­gen.
  • Kündi­gen Sie künftig das Ende der Bild­schirm­zeit zehn Minuten vorher an. Machen Sie mit Ihrem Kind in einem ruhigen Moment die Regeln gemein­sam ab. Spre­chen Sie auch darüber, was geschieht, wenn es die Bild­schirm-Zeit nicht einhält. Schrei­ben Sie die Abma­chung auf.,

Unauf­ge­räum­tes Zimmer

Seit Tagen fordern Sie Ihr Kind auf, sein Zimmer aufzu­räu­men – und am Ende erle­di­gen Sie es selbst. Beim Anblick des Chaos fallen schnell Sätze wie «Du bist faul» oder es wird mit Konse­quen­zen gedroht.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Kriti­sie­ren Sie die Situa­tion, nicht das Kind: «Das Zimmer ist noch nicht aufge­räumt.»
  • Teilen Sie die Aufgabe auf: «Räume zuerst die Kleider in den Wäsche­korb.»
  • Geben Sie ein Zeit­fens­ter vor und lassen Sie das Kind entschei­den, wann es die Aufgabe inner­halb des Zeit­fens­ters erfüllt.

Jugend­li­che

Viel zu spät zu Hause

Ihr Kind kommt deut­lich später nach Hause als verein­bart und war davor nicht erreich­bar. Als sich die Tür endlich öffnet, prallen Erleich­te­rung, Angst und Wut aufein­an­der.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Klären Sie zuerst, ob Ihr Kind wohlauf ist.
  • Sagen Sie ruhig: «Ich bin gleich­zei­tig sehr wütend und sehr erleich­tert. Wir spre­chen morgen darüber.» Verzich­ten Sie in der Nacht auf Vorwürfe und ein Verhör.
  • Bespre­chen Sie am nächs­ten Tag gemein­sam, wie Ihr Kind Sie künftig bei Verspä­tun­gen infor­mie­ren kann, und verein­ba­ren Sie einen klaren Notfall­plan.

Vapes in der Jacken­ta­sche

Ihr Kind hat Ihnen versi­chert, dass es nicht raucht. Umso grösser sind die Sorge und die Enttäu­schung, als Sie beim Waschen Vapes in seiner Jacken­ta­sche finden und das Gefühl haben, belogen worden zu sein.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Zeigen Sie Ihrem Kind die gefun­de­nen Vapes und sagen sie ihm, dass Sie sie beim Waschen gefun­den haben.
  • Fragen Sie offen: «Wie kommt es dazu?» oder «Was ist die Geschichte dahin­ter?» Hören Sie sich zuerst die Erklä­rung Ihres Kindes an, bevor Sie urtei­len.
  • Spre­chen Sie in Ich-Botschaf­ten über Ihre Sorge und Enttäu­schung. Wird das Gespräch zu einem Schlag­ab­tausch, unter­bre­chen Sie es und führen Sie es später in ruhi­ge­rer Stim­mung weiter.

Rückzug und Abwei­sung

Die Zimmer­tür Ihres Kindes bleibt geschlos­sen, auf Fragen folgt ein abwei­sen­des «Lass mich in Ruhe!». Aus Sorge reagie­ren viele Eltern mit Kontrolle, Druck oder Liebes­ent­zug.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Respek­tie­ren Sie zunächst den Wunsch nach Rückzug: «Ich gehe jetzt und komme später noch­mals auf dich zu.»
  • Bieten Sie einen Spazier­gang oder eine Tasse Tee an, ohne daraus ein Verhör zu machen.
  • Spre­chen Sie Ihre Beob­ach­tung und Ihre Sorge offen aus: «Du ziehst dich oft zurück und bist viel allein. Ich mache mir Sorgen um dich.» Hält die Sorge an oder besteht eine akute Gefahr, sollten Sie profes­sio­nelle Hilfe holen – zum Beispiel im kjz in Ihrer Nähe oder bei der Schul­so­zi­al­ar­beit an der Schule Ihres Kindes.

Beschimp­fun­gen und flie­gende Gegen­stände

Ihr Teen­ager beschimpft Sie und wirft im Streit einen Gegen­stand, der dabei kaputt geht. In einer solchen Situa­tion kann der Impuls stark sein, zurück­zu­schreien oder körper­lich zu reagie­ren.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Schaf­fen Sie Abstand und sorgen Sie für Sicher­heit. Verlas­sen Sie die Situa­tion, sofern dies gefahr­los möglich ist.
  • Sagen Sie ruhig: «Ich rede mit dir, sobald niemand mehr beschimpft oder gefähr­det wird.» Ziehen Sie, falls möglich, eine zweite erwach­sene Person hinzu.
  • Bespre­chen Sie später gemein­sam, wie der entstan­dene Schaden wieder­gut­ge­macht werden kann. Verein­ba­ren Sie zudem ein früh­zei­ti­ges Signal, mit dem ein eska­lie­ren­der Streit künftig unter­bro­chen wird.

Provo­ka­tive Klei­dung

Der neue Klei­dungs­stil Ihres Kindes irri­tiert Sie. Schnell können verlet­zende Bemer­kun­gen über den Körper und die Sexua­li­tät fallen.

So bewah­ren Sie Ruhe:

  • Halten Sie vor dem ersten Kommen­tar kurz inne: Geht es tatsäch­lich um verbind­li­che Regeln oder ledig­lich um Ihren persön­li­chen Geschmack?
  • Handelt es sich um eine Geschmack­sa­che, sagen Sie: «Das ist nicht mein Stil.» Gelten bestimmte Vorga­ben, erklä­ren Sie, für welchen Anlass sie gelten.
  • Haben Sie den Körper oder die Person Ihres Kindes abge­wer­tet, entschul­di­gen Sie sich konkret und ohne ein nach­träg­li­ches «aber».

Eltern dürfen wütend werden oder Fehler machen. Entschei­dend ist, den eigenen Alarm­zu­stand zu erken­nen, den Impuls zu unter­bre­chen und Konflikte nach der Beru­hi­gung zu klären. Wer geschrien, gedroht oder grob ange­fasst hat, kann Verant­wor­tung über­neh­men, sich entschul­di­gen und die Bezie­hung wieder aufneh­men. Wieder­holt sich der Kontroll­ver­lust oder droht psychi­sche oder körper­li­che Gewalt, braucht es profes­sio­nelle Unter­stüt­zung. – zum Beispiel im kjz in Ihrer Nähe. Hilf­reich sind auch die Kurse und Work­shops von «Fit for Family».