Betreuungsregelung nach der Trennung

Wie werden Übergaben zwischen den Eltern für das Kind weniger stressig?

Die Tasche ist gepackt, die Über­ga­be­zeit ist abge­macht – und trotz­dem wird der Moment an der Tür jedes Mal heikel. Manch­mal reicht ein Blick oder ein Halb­satz, schon eska­liert die Situa­tion. Woran liegt das? Und wie können Eltern den Über­gang so gestal­ten, dass das Kind sich siche­rer fühlt?

Wenn Eltern sich trennen, müssen sie nicht nur ihr Leben neu ordnen, sondern auch den Alltag ihres Kindes. In der Schweiz gilt grund­sätz­lich die gemein­same elter­li­che Sorge: Für wich­tige Entscheide bleiben beide Eltern­teile zustän­dig – unab­hän­gig davon, bei wem das Kind haupt­säch­lich lebt. Zugleich haben das Kind und der nicht haupt­be­treu­ende Eltern­teil Anspruch auf ange­mes­se­nen Kontakt, der auch tatsäch­lich statt­fin­den soll. Dies ist im Schwei­ze­ri­schen Zivil­ge­setz­buch (ZGB) fest­ge­hal­ten.

Nach einer Tren­nung stellen sich deshalb für Sie als Eltern vor allem diese beiden Fragen:

  • Wie bleibt unser Kind mit beiden Eltern­tei­len verläss­lich verbun­den?
  • Wie gestal­ten wir die Wechsel zwischen den Haus­hal­ten, dass sie für unser Kind leich­ter werden?

Inhalte und Modelle von Betreu­ungs­re­ge­lun­gen

Eine Betreu­ungs­re­ge­lung klärt möglichst konkret Zeiten (inkl. Ferien und Feier­tage), Ort und Ablauf der Über­gabe sowie den Kommu­ni­ka­ti­ons­weg der Eltern (z. B. App, Telefon oder E-Mail). Weil im schwei­ze­ri­schen Recht das Kindes­wohl oberste Prio­ri­tät hat, orien­tiert sich die Rege­lung an Alter, Alltag und Belast­bar­keit des Kindes und nicht an den Wunsch­vor­stel­lun­gen der Erwach­se­nen.

In der Praxis sind mehrere Modelle verbrei­tet. Oft sind sie mitein­an­der kombi­niert. Beim Resi­denz­mo­dell lebt das Kind über­wie­gend bei einem Eltern­teil; der andere Eltern­teil hat regel­mäs­sige Kontakte und Feri­en­an­teile. Das erwei­terte Kontakt­recht bringt mehr Alltags­zeit beim anderen Eltern­teil, etwa zusätz­li­che Wochen­tage oder längere Feri­en­blö­cke. Bei der alter­nie­ren­den Obhut (Wech­sel­mo­dell) lebt das Kind in einem festen Rhyth­mus bei beiden Eltern, z. B. 50 zu 50 Prozent oder 60 zu 40 Prozent. Das Nest­mo­dell sieht vor, dass das Kind in dersel­ben Wohnung bleibt und die Eltern­teile wech­seln sich ab; das kann Über­ga­ben verein­fa­chen, ist aber orga­ni­sa­to­risch anspruchs­voll.

Für welches Modell Sie sich auch entschei­den: Für Ihr Kind zählt am Ende die Verläss­lich­keit, dass die Besuchs­re­ge­lung von beiden Eltern akzep­tiert und gelebt wird.

Wie Kinder Über­ga­ben wahr­neh­men

In der Wahr­neh­mung vieler Kinder ist die Über­gabe vor allem ein Über­gang und Abschied. Selbst wenn sie gerne zum anderen Eltern­teil gehen, kann der Wechsel Trauer, Wut oder Anspan­nung auslö­sen. Etwas Vertrau­tes endet; andere Abläufe, Regeln und Erwar­tun­gen begin­nen. Jüngere Kinder können diese Gefühle noch schlecht steuern. Tränen heissen deshalb nicht auto­ma­tisch «Ich will nicht», sondern oft: «Die Verän­de­rung ist gross, hilf mir, mich zu beru­hi­gen.»

Dem Kind hilft es, wenn Sie ihm nicht nur sagen, was sich nach der Über­gabe ändert, sondern auch, was gleich­bleibt (Schule, Freunde, Trai­ning).

Fakto­ren, die Über­ga­ben erschwe­ren

Schwie­rig wird es, wenn elter­li­che Span­nung «mit an der Tür» steht: eine schnip­pi­sche Bemer­kung, ein getarn­ter Seiten­hieb, ein Streit über Geld oder Ferien. Das Kind spürt Stress bei seinen Eltern auch ohne laute Worte.

Hinzu kommt häufig ein Loya­li­täts­kon­flikt beim Kind, das Gefühl, zwischen den Eltern zu stehen und es beiden Seiten recht machen zu müssen. Wenn ein Eltern­teil den anderen abwer­tet, ihm miss­traut oder das Kind über den anderen ausfragt, fühlt es sich inner­lich zerris­sen. In der Folge fragt es sich, ob es sich freuen dürfe, ohne jeman­den zu verlet­zen. Solche Konflikte zeigen sich oft körper­lich (z. B. durch Bauch­schmer­zen), im Rückzug oder in hefti­gen Emotio­nen beim Abschied.

Und schliess­lich eska­lie­ren Über­ga­ben manch­mal aus prak­ti­schen Gründen wie unklare Zustän­dig­kei­ten («Ich dachte, du erle­digst das»), fehlende Infos (z. B. über Haus­auf­ga­ben, Arzt­ter­mine), unter­schied­li­che Erwar­tun­gen oder Last-Minute-Ände­run­gen. Je unbe­re­chen­ba­rer die Über­ga­ben ablau­fen, desto wahr­schein­li­cher ist Wider­stand beim Kind.

Wie Eltern Über­ga­ben für das Kind verein­fa­chen

  • Verfol­gen Sie einen fixen Rhyth­mus und Plan.
    Sagen Sie alters­ge­recht, was wann passiert («Heute bis Sonntag bei Papa, ab Montag dann wieder bei Mama.») und machen Sie dies sicht­bar, zum Beispiel mit einem Kalen­der an der Wand.
  • Verhan­deln Sie nicht an der Tür.
    Über­ga­ben sind kein Ort für Diskus­sio­nen. Legen Sie einen Gesprächs­ka­nal fest (z. B. App oder Telefon) und die Regel, dass alles, was bei der Über­gabe nicht sofort fürs Kind nötig ist, nur bila­te­ral geklärt wird. Manchen Eltern hilft als Merk­satz: freund­lich, kurz, sach­lich.
  • Redu­zie­ren Sie Loyalitätsdruck.
    Lassen Sie Ihr Kind dem anderen Eltern­teil keine Botschaf­ten über­brin­gen, fragen Sie es nicht aus und verur­sa­chen Sie keine Schuld­ge­fühle. Sagen Sie statt­des­sen: «Du darfst beide Eltern­teile lieb­ha­ben – ohne schlech­tes Gewis­sen.»
  • Beglei­ten Sie den Abschied/die Begrüs­sung mit einem Ritual.
    Ein kurzer Satz, eine liebe­volle Umar­mung, ein fixer Ablauf – und danach dem Kind Zeit zum Ankom­men geben. Ein vertrau­ter Gegen­stand im Ruck­sack, der immer dabei ist, kann beim Wechsel des Zuhau­ses helfen.

Wenn Über­ga­ben dauer­haft schwie­rig bleiben

Wenn ein Kind über längere Zeit starke Angst zeigt, körper­li­che Symptome entwi­ckelt (z. B. Schlaf- oder Essstö­run­gen, Bauch­schmer­zen) oder sich zurück­zieht, lohnt es sich, früh profes­sio­nelle Unter­stüt­zung zu holen – zum Beispiel durch eine Bera­tung im Kinder- und Jugend­hil­fe­zen­trum (kjz) in Ihrer Nähe (Kanton Zürich). Hilf­reich ist auch der Kurs «Eltern bleiben» der Geschäfts­stelle Eltern­bil­dung, der regel­mäs­sig in Wetzikon, Winter­thur, Zürich oder online durch­ge­führt wird.

Eine trag­fä­hige Betreu­ungs­re­ge­lung ist am Ende die, die Ihrem Kind Sicher­heit gibt – und die Sie beide auch in ange­spann­ten Phasen konse­quent leben können. So wird aus dem grossen Moment an der Tür Schritt für Schritt ein norma­ler Alltags­wech­sel.