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Lernort Familie

Hausaufgaben machen will gelernt sein – 12 Szenarien (Teil 1)

Veröffentlicht am von Martina Friedli

Der Übergang in die erste Klasse bringt für Kinder und Eltern viel Neues mit sich. Etwa die Hausaufgaben. Nicht alle Kinder können von Anfang an gleich gut mit dieser neuen Aufgabe umgehen. Lernexperte Fabian Grolimund gibt Tipps für mögliche Szenarien, die sich nach dem Eintritt in den Schulalltag zuhause abspielen können. 

Szenario 1: Samira löst Hausaufgaben nur langsam

Meine Tochter Samira (6) lässt sich jeweils viel Zeit bei den Hausaufgaben. Sie sitzt deshalb jeden Tag deutlich länger dran als die empfohlenen zehn Minuten. Was kann ich tun, damit sie schneller wird?
Fabian Grolimund: Besprechen Sie die Hausaufgaben mit ihr vor: Weisst du, was du genau machen musst? Stellen Sie dann den Wecker und sagen Sie: «Bereit? Achtung, los!» Falls sie viel länger hat: Vereinbaren Sie mit der Lehrperson, dass Ihre Tochter abbrechen darf, wenn sie 10 Minuten konzentriert gearbeitet hat. Es ist nicht hilfreich, wenn Kinder länger als empfohlen Hausaufgaben machen – dabei gewöhnen sie sich meist nur eine ungünstige Arbeitshaltung an und verlieren die Lust an der Schule.

Szenario 2: Fussball top – Hausaufgaben flop

Mein Sohn Jonas (7) will nach der Schule als Erstes draussen mit seinen Quartierfreunden Fussball spielen. Danach ist er aber müde und hungrig, weshalb die Hausaufgaben vor dem Essen zum Kampf werden. Wie soll ich vorgehen? Er hat so viel Bewegungsdrang, ich möchte ihn nicht vom Fussballspielen abhalten.
Schlagen Sie Ihrem Sohn vor, mit verschiedenen Zeitpunkten für die Aufgaben zu experimentieren: Nach der Schule, vor dem Abendessen, nach dem Abendessen, früh morgens vor der Schule. Fragen Sie ihn jeweils, wie motiviert er war und wie leicht es ihm fiel, sich zu konzentrieren. Meist ergibt sich daraus ein Muster für den optimalen Zeitpunkt.

Szenario 3: Wofür das alles, Mama?

Meine Tochter Ida (6) sieht überhaupt nicht ein, warum sie Hausaufgaben machen muss. Das führt fast jeden Abend zu Diskussionen. Langsam gehen mir die Argumente aus. Wie soll ich mit ihr weitermachen?
Sie müssen diese Diskussion als Elternteil nicht führen. Schliesslich haben nicht Sie die Hausaufgaben aufgegeben. Sagen Sie Ihrer Tochter: «Warum du das machen musst? Das ist eine gute Frage. Frag das morgen deine Lehrperson.» Sagen Sie nichts weiter dazu. Oft wollen die Kinder ihre Aufträge dann trotzdem erledigen. Ihre Tochter soll verstehen: Es ist die Schule, die mir die Hausaufgaben aufgibt – und meine Eltern helfen mir, wenn ich alleine nicht weiterkomme.

Szenario 4: Zu viel Stress für Lara

Meiner Tochter Lara (6) fällt der Übergang vom Kindergarten in die erste Klasse schwer. Sie kommt oft erschöpft nach Hause und muss weinen, wenn ich sie an die Hausaufgaben erinnere. Dann möchte ich sie nicht noch mehr belasten und lasse sie damit in Ruhe. Soll ich vielleicht um einen anfänglichen Hausaufgabenerlass bitten?
Der Übergang fällt vielen Kindern schwer. Oft hilft es, wenn man das Thema Hausaufgaben anders angeht. Anstatt zu fragen: «Hast du noch Hausaufgaben?» kann man sagen: «So, jetzt darfst du dich erstmal richtig ausruhen und spielen.» Dann kann man schauen, ob das Kind die Hausaufgaben machen kann, während man kocht – oder auch mal morgens vor der Schule. Um Erlass würde ich nicht bitten, aber vielleicht darum, die Hausaufgaben zu reduzieren.

Szenario 5: Ich kann als Mutter nicht helfen!

Meine Muttersprache ist nicht Deutsch, weshalb ich meinem Kind so wenig helfen kann bei den Hausaufgaben. Ich weiss nie, ob es die Aufgaben richtig löst und kann es bei Fragen nicht unterstützen. Haben Sie uns einen Tipp?
Die Hausaufgaben werden in der Schule korrigiert. Achten Sie einfach darauf, dass Ihr Kind einen Ort hat, an dem es arbeiten kann. Begleiten Sie es – wenn es das wünscht – indem Sie im gleichen Raum sind und ihm vielleicht einen Snack anbieten oder sich erklären lassen, was es gerade macht.

Szenario 6: Adriana löst alles alleine – aber falsch!

Beim ersten Elterngespräch haben wir die Rückmeldung bekommen, dass unsere Tochter Adriana (7) die Hausaufgaben oft falsch löst. Sie wehrt sich aber, die Aufgaben mit meiner Frau oder mir zusammen zu lösen. Adriana will alles alleine machen. Was können wir tun, damit sie die Hausaufgaben nicht immer falsch löst?
Haben Sie die Lehrperson gefragt, was sie von Ihnen erwartet? Eigentlich wäre es die Aufgabe der Lehrperson, die Hausaufgaben richtig zu erklären, zu korrigieren und darauf zu reagieren, wenn ein Kind das Thema nicht verstanden hat.


Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Clever lernen», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Lotte, träumst du schon wieder?»). Gemeinsam mit Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Mehr erfahren Sie hier: www.mit-kindern-lernen.ch

 


Elternbildung CH: Infografik mit Dos und Dont’s für eine liebevolle Hausaufgabenbegleitung, welche die Selbstständigkeit der Kinder fördert.

 

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