Schnuppern, bewerben – hinterfragen

Was tun, wenn bei der Berufswahl plötzlich Zweifel aufkommen?

Viele Jugend­li­che kennen das: Die Lehr­stel­len­su­che läuft gut, viel­leicht liegt sogar schon ein Vertrag auf dem Tisch – doch plötz­lich zögern sie. Ist es wirk­lich der rich­tige Beruf? Sollen sie unter­schrei­ben oder weiter­su­chen? Keine Sorge: Zweifel sind normal. Und Eltern können ihr Kind auch bei diesem Prozess unter­stüt­zen.

Es kommt vor, dass Jugend­li­che einen Berufs­wunsch ziel­stre­big verfol­gen und bei der Berufs­wahl gut voran­kom­men – auf einmal aber kalte Füsse bekom­men. Dabei schien alles perfekt zu laufen: Sie haben geschnup­pert, der Beruf hat ihnen gefal­len, das Feed­back im Betrieb war positiv. Sie haben das Vorstel­lungs­ge­spräch gut gemeis­tert und ihnen wird sogar die Lehr­stelle ange­bo­ten.

Doch dann kommen plötz­lich Zweifel auf: «Passt der Beruf wirk­lich zu mir? Ist dieser Lehr­be­trieb der rich­tige? Kann ich mir das für die nächs­ten Jahre vorstel­len?»

Auch die Eltern können dann unsi­cher werden: Soll ihr Kind den Lehr­ver­trag unter­schrei­ben oder nicht? Und wie sollen sie ihre Tochter oder ihren Sohn bei dieser Entschei­dung unter­stüt­zen: Sollen sie Zweifel entkräf­ten, auf eine Entschei­dung drängen – oder reicht es, einfach nur zuzu­hö­ren?

Zweifel sind normal

Zunächst einmal: Es ist ganz normal, dass nach einer Schnup­per­lehre oder einem Vorstel­lungs­ge­spräch Verun­si­che­rung aufkommt. Die Berufs­wahl ist eine wich­tige Entschei­dung, die die Zukunft prägt. Zweifel gehören dazu.

Jugend­li­che müssen ihren eigenen Weg finden. Doch sie sind deshalb nicht auf sich allein gestellt: Das Umfeld kann ihnen wert­volle Unter­stüt­zung bieten.

Wie Eltern Ihr Kind unter­stüt­zen können

Gefühle ernst nehmen: Ermu­ti­gen Sie Ihr Kind, in sich hinein­zu­hö­ren: Gab es Momente der Begeis­te­rung beim Schnup­pern oder im Vorstel­lungs­ge­spräch? Was hat ihm gefal­len, was nicht? Fühlt es sich moti­viert oder über­for­dert beim Gedan­ken, die Lehr­stelle anzu­tre­ten? Was sagt das Bauch­ge­fühl?

Inter­es­sen und Werte reflek­tie­ren: Passt der Beruf zu den Inter­es­sen Ihres Kindes – zum Beispiel betref­fend Menschen­kon­takt, tech­ni­schem Geschick und Krea­ti­vi­tät? Entspricht der Arbeits­all­tag seinen Vorstel­lun­gen (körper­lich aktiv, selbst­stän­dig oder im Team arbei­ten)? Welche Werte sind ihm wichtig?

Vor- und Nach­teile aufschrei­ben: Eine Auflis­tung von Vor- und Nach­tei­len erleich­tert es oft, die Gedan­ken zu sortie­ren und Klar­heit zu gewin­nen.

Meinun­gen einho­len – aber selbst entschei­den lassen: Gesprä­che mit Berufs­tä­ti­gen oder eine zusätz­li­che Schnup­per­lehre können helfen, sich eine Meinung zu einem Beruf oder einer Lehr­stelle zu bilden. Doch eine Entschei­dung müssen Jugend­li­che am Ende selbst treffen.

Nichts ist in Stein gemeis­selt

Egal, wie sich Ihr Kind entschei­det, wichtig zu wissen ist: Entschei­dun­gen sind nicht endgül­tig. Das Schwei­zer Bildungs­sys­tem ist durch­läs­sig und bietet viele Wege und Möglich­kei­ten, um seine Lauf­bahn auch zu einem späte­ren Zeit­punkt neu auszu­rich­ten. Verän­de­run­gen sind immer möglich.

Wichtig in dieser Phase der Berufs­wahl ist: Mut fassen, etwas auszu­pro­bie­ren, und sich auf den Beruf einlas­sen. Wer weiss, viel­leicht ist es ja der Traum­job? Und auch wenn sich die Lehr­stelle als nicht optimal heraus­stel­len sollte, können Jugend­li­che das Beste daraus machen und daran wachsen.

Beruf­li­che Entwick­lung ist ein lebens­lan­ger Prozess. Die erste Berufs­wahl ist ein Anfang – und nicht das Ende.

Daniela Boelsterli ist Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin und arbeitet seit 2007 im biz Oerlikon, wo sie den Bereich Infothek leitet.

Daniela Boels­terli

Daniela Boelsterli ist Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin. Seit 2007 arbeitet sie im biz Oerlikon, wo sie den Bereich Infothek leitet. Sie ist gelernte Buchhändlerin und hat neben der Ausbildung zur Berufsberaterin auch einen Bachelor in Information Science erworben.