Tipps für vier Szenen

Kinder und fremde Hunde – Wie verhalten als Eltern?

«Er ist ein ganz Lieber!» Eine Aussage, die man oft hört. Und wer einen Hund hat, kennt ihn ja in der Regel auch und kann das abschätzen. Manchmal gibt es aber Situationen zwischen Kindern und fremden Hunden, in denen man als Eltern nicht sicher weiss, wie reagieren. Hundetrainerin Monika Fasnacht gibt Tipps für vier Szenen, die sich im Alltag abspielen können.

«Als Hundetrainerin beobachte ich manchmal Situationen, da schaudert es mich», so Monika Fasnacht. Kinder würden manchmal völlig unbedarft – und ungebremst – auf fremde Vierbeiner zulaufen. Hundehaltende wiederum würden teilweise einfach ausblenden, dass Kinder auch Angst vor Hunden haben können. Oft würden solche Situationen gut ausgehen, da es viele bestens erzogene Hunde gäbe. Eigentlich gelte aber: «Die Erwachsenen müssen miteinander reden. Denn die Verantwortung liegt immer bei ihnen!»

Szene 1 – Wartezeit am hektischen Bahnhof

Ihr Kind möchte den Hund einer Hundehalterin streicheln. Diese erlaubt es und sagt, er sei ganz lieb. Sie sind nicht sicher, ob die Hundehalterin ihren Hund richtig einschätzt. Worauf sollten Sie achten?

Sicht des Hundes: Ist sich der Hund Kinder und die Hektik an Bahnhöfen gewohnt, gut sozialisiert und friedlich, ist das grundsätzlich auch eine friedliche Szene für ihn. Wichtig ist aber: Hunde sind Rudeltiere. Und bei Rudeltieren gilt Rangordnung. Kinder zählen dabei in der Regel als rangniedrieger – und alle Rangniedrigen dürfen zurechtgewiesen werden. Verhält sich das Kind also in seinen Augen unpassend, wird er es möglicherweise massregeln. Und zwar mit jenen Mitteln, die ihm dafür zur Verfügung stehen. In seinem Fall ist das die Schnauze. Da die Schnauze bei Kindern oftmals auf Kopfhöhe ist, kann die Szene grundsätzlich heikel sein. Ist der Hund aber gut sozialisiert und erzogen, wird er vorgängig Warnzeichen geben.

Tipps für die Eltern: Warnzeichen sind, wenn der Hund seinen Kopf abwendet oder sich seine Körperhaltung versteift. Ein klares Warnsignal ist auch das Knurren. In diesen Fällen darf nichts provoziert werden und das Kind muss den Kontakt abbrechen.

Grundsätzlich sollte davor mit der Hundehalterin besprochen werden: Was mag der Hund? Um ihm die Begegnung angenehm zu machen, sollte der Kontakt immer von vorne aufgenommen werden. Hunde sind visuelle und nasenorientierte Tiere. Wie wir auch, mögen sie es nicht, wenn man sich von hinten an sie heranschleicht. Stellen Sie sich aufrecht zusammen mit dem Kind vor ihn und weisen Sie das Kind an, ihm langsam von vorne die Hand entgegenzustrecken. Das ist für ihn viel angenehmer, als wenn sich das Kind seinem Rücken annähert, wo er die Berührung nicht sieht. Mit einer freundlichen Beschnupperung kann sich der Hund mit der Nase Informationen holen. Danach kann gestreichelt werden, was zuvor besprochen wurde.

Wichtig ist: Die Eltern haben die Verantwortung für das Kind, die Hundebesitzerin für den Hund. Sagt sie, der Hund ist sich Kinder gewohnt, dann muss das auch stimmen. Im Zweifelsfall muss sie ihre Verantwortung ebenso wahrnehmen und den Kontakt vorgängig ablehnen.

Szene 2 – Im Bus

Sie stehen mit Ihrem Kind im vollbepackten Bus. Ein Hundehalter steigt mit einem grossen Hund ein. Der Hund hat seinen Kopf genau auf Augenhöhe Ihres Kindes. Ihr Kind hat Angst, kann mangels Platz aber nicht ausweichen. Ist die Kopf-an-Kopf-Situation eine Gefahr?

Sicht des Hundes: Hunde suchen keine Schwierigkeiten. Viele Leute, wenig Platz, Kinderwagen, die das Durchkommen erschweren, allenfalls gar Kindergeschrei – eine solche Situation ist für sie aber genauso ein Stress wir für uns. Und im Stress reagieren wir unvorhersehbar. Dem Problem sollte vom Hundehalter vorgebeugt werden, indem er gar nie erst in einen vollbepackten Bus mit ihm einsteigt. Ausser der Hund ist sich solche Situationen wirklich gewohnt.

Tipps für die Eltern: Treffen Kind und Hund in einer Situation aufeinander, mit der beide überfordert sind, kann es schlimmstenfalls eskalieren. So weit sollte es aber nie kommen. Wie gesagt, Hunde, die sich solchen Stress nicht gewohnt sind, sollten nicht in vollbepackte Busse geführt werden. Sie als Eltern wiederum können Ihr Kind vorsorglich auf den Arm nehmen, insbesondere wenn es Angst vor Hunden hat. 

Szene 3 – Ein Hund auf Besuch

Sie erwarten Besuch, der einen jungen Hund mitnimmt. Ihre Kinder freuen sich sehr darauf, mit ihm zu spielen. Auch die Kinder sind noch klein – und wild. Welche Vorsichtsmassnahmen sollten Sie treffen und was sollten Ihre Kinder beim Spielen beachten?

Sicht des Hundes:  Der Hund ist noch jung. Das heisst, die Situation ist neu für ihn und kann ihn mitunter überfordern. Wie er damit umgehen wird, ist nicht vorhersehbar. Gut möglich, dass er die Kinder als spannende neue Spielfreunde betrachtet – als ranghöher aber keinesfalls. Die Situation muss daher immer von den Erwachsenen kontrolliert bleiben. Nie dürfen Sie Kinder und Hunde alleine miteinander lassen. Ansonsten wird der Hund die Führung übernehmen und massregeln, wo in seinen Augen gemassregelt werden muss.

Tipps für die Eltern: Es empfiehlt sich, dass der Erstkontakt draussen stattfindet, wo der Hund jederzeit ausweichen kann, wenn es ihm zu viel wird. Sie könnten mit Ihren Gästen zuerst einen entspannten kurzen Spaziergang machen. Dabei sollte besprochen werden, was die Kinder tun dürfen und was nicht. So findet die anschliessende Begegnung drinnen erst statt, wenn alle bereits ausgetobt sind.

Wichtig ist: Nach dem Austoben wird der junge Hund zunächst Ruhe brauchen und sich schlafen legen. Seine Ruhe muss von den Kindern zwingend respektiert werden. Genau wie die Kinder, mag der Hund es auch nicht, im Schlaf gestört zu werden.

Beim gemeinsamen Spielen müssen die Kinder wiederum wissen, was der Hund mag und was nicht. Dabei gilt wie immer: Hundebesitzerinnen und -besitzer müssen die Verantwortung für den Hund übernehmen – Eltern für die Kinder. Weder Kind noch Hund sind in der Lage, zu entscheiden, wann genug ist. Diesen Entscheid müssen Sie als Erwachsene übernehmen und vorausschauend treffen. Bevor es eskaliert.

Szene 4 – Auf der Spielwiese

Während Ihre und andere Kinder auf einer Wiese spielen, jagen sich zwei Hunde quer über das Gelände. Dabei geraten sie immer wieder zwischen die Kinder. Diese erschrecken und schreien. Was können Sie tun?

Sicht des Hundes: Hunde interessieren sich in erster Linie für andere Hunde. Wichtig ist aber: Hunde sind nicht nur Rudeltiere. Sie sind auch Jäger. Problematisch wird es daher, wenn die Kinder beim Spiel mitmachen wollen oder wie in diesem Fall – Angst bekommen. Die Hunde können so auf die Idee kommen, es mit einem schwachen Spielkameraden zu tun zu haben, schlimmstenfalls mit Jagdbeute. Aus diesem Grund ist es ein absolutes No-Go, Hunde auf einer Wiese mit Kindern frei spielen zu lassen.

Tipps für die Eltern: Grundsätzlich hätten die Hundebesitzenden klar ihrer Pflicht nachkommen und die Hunde an die Leine nehmen müssen. Tun sie das nicht spätestens jetzt, kann der Dialog hilfreich sein – harmonisch und bevor etwas passiert. Reagieren die Besitzer nicht darauf oder droht die Situation zu eskalieren, müssen Sie als Eltern Ihr Kind beschützen. Sie können versuchen, den Hund zu vertreiben, indem Sie ihm autoritär klar machen: Weg mit dir!

Im Notfall nehmen Sie das Kind hoch. Seien Sie sich aber bewusst, dass das Hochnehmen beim Hund den Jagdtrieb verstärken kann. Deshalb ist ganz wichtig: Bleiben Sie mit dem Kind ruhig stehen – laufen Sie keinesfalls hastig davon. Wenden Sie sich vom Hund ab, zeigen Sie ihm den Rücken. Meiden Sie jeglichen Blickkontakt. Ignorieren Sie ihn komplett. Verhalten Sie sich wie ein Schneemann, eine Statue, ein Laternenpfahl. Das braucht Mut! Aber nur so ist Ihr Kind keine Beute mehr für den Hund. Denn alles was still steht, ist nicht mehr spannend für ihn. Gelingt Ihnen das nicht und droht die Situation ganz zu eskalieren, wehren Sie den Hund mit dem Knie ab. Wenn Sie den Nerv haben, verlangen Sie anschliessend die Personalien der Hundebesitzenden und erstatten Sie Anzeige.