kjz-Sprechstunde

«Wie bringe ich (15) meine Eltern dazu, meinem Freund und mir mehr Freiraum zu geben?»

Mütter und Väter wissen am besten, was gut ist für ihr Kind. Doch ab und zu sind sie auch bei gröss­ter Eltern­liebe froh um ein biss­chen Unter­stüt­zung. Bei allen Fragen rund um Familie und Erzie­hung weiss das Fach­team unserer kjz-Sprech­stunde Rat. Kompe­tent, anonym und unkom­pli­ziert. Was immer Sie bewegt – wir sind für Sie da!


Liebes kjz
Ich bin weib­lich und 15 Jahre alt. Meine Eltern schrän­ken den Kontakt zu meinem Freund sehr stark ein. Wir dürfen nur Zeit mitein­an­der verbrin­gen, wenn meine Eltern dabei sind, zu ihm dürfen wir nicht. Mein Freund ist jünger als ich. Er macht keinen Unsinn, nimmt keine Drogen, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht, begeht keine Straf­ta­ten. Es ist seit fünf Monaten so und seitdem läuft mein Leben nicht gut. Meine Eltern und ich hatten noch nie eine gute Bindung. Trotz­dem versu­che ich, ihre Regeln möglichst gut zu befol­gen. Meine 10-mona­tige Bezie­hung bricht langsam ausein­an­der. Meine Eltern haben die Regeln aufge­stellt, nachdem ich mit meinem Freund Sex hatte. Wir haben verhü­tet. Es war für beide das erste Mal und wir wollten es beide.
Meinen Freund darf ich nur sams­tags treffen, meine Freunde eigent­lich meis­tens auch nur dann. Die Kontrolle über mein Handy hat ganz allein meine Schwes­ter. Ich kann das nicht akzep­tie­ren, da wir uns nicht verste­hen. Nun weiss ich nicht, wie ich meine Eltern dazu bringe, meinem Freund und mir mehr Frei­raum zu geben. Immer­hin lieben wir uns beide. Ein Gespräch klappt nicht, das habe ich schon versucht. Meine Eltern sagen mir, ich wäre noch ein Kind. Aber ich kann ehrlich sagen, dass ich für mein Alter sehr reif bin.

Liebe Jugend­li­che

Die Situa­tion zu Hause ist momen­tan für Sie sicher schwie­rig. Sie sind verliebt und möchten mit Ihrem Freund die erste Liebe genies­sen und entde­cken. Sie schei­nen beide verant­wor­tungs­volle Menschen zu sein. Sie haben trotz der Verliebt­heit nicht verges­sen, Verant­wor­tung zu über­neh­men und sich beim Sex geschützt. Das ist toll. Auch dass Ihre Bezie­hung bereits 10 Monate hält ist in Ihrem Alter eher ausser­ge­wöhn­lich.

Ihre Eltern schei­nen sich dennoch grosse Sorgen zu machen. Sie wollen Sie beschüt­zen und vor Unheil bewah­ren. Das ist ja eigent­lich positiv und zeugt davon, dass Sie Ihren Eltern wichtig sind. Für Eltern ist es schwie­rig, wenn die Kinder erwach­sen werden. Es geht den Eltern manch­mal zu schnell und die Mittel, die sie ergrei­fen, um ihr Kind zu schüt­zen, sind manch­mal, vor allem in den Augen der Jugend­li­chen, über­trie­ben. Dennoch steckt eine gute Absicht dahin­ter. Es wäre wichtig, dass Sie mit Ihren Eltern zusam­men einen gang­ba­ren Weg finden und beide Seiten einan­der entge­gen­kom­men könnten. Damit Ihre Eltern Ihren Freund besser kennen­ler­nen, könnten Sie die Zeit, wenn er bei Ihnen zu Hause ist, beispiels­weise für gemein­same Akti­vi­tä­ten wie Kochen, Essen oder Gesprä­che nutzen.

Sie schrei­ben, dass Ihr Freund jünger ist als Sie. Dazu noch folgen­der Hinweis: Bis 16 Jahre sind alle Menschen in der Schweiz im Schutz­al­ter. Das heisst, wenn sie Sex haben wollen, bevor sie 16 Jahre alt sind, darf der Alters­un­ter­schied zwischen den Betei­lig­ten nicht grösser als drei Jahre sein (3-Jahres-Regel). Die ältere Person macht sich straf­bar, wenn der Alters­un­ter­schied grösser als drei Jahre ist und es zu sexu­el­len Hand­lun­gen kommt. Viel­leicht haben Ihre Eltern auch das vor Augen.

Sollten Sie und Ihre Eltern dazu bereit sein, ein gemein­sa­mes Gespräch an einem neutra­len Ort und mit einer neutra­len Person zu führen, empfehle ich Ihnen, sich an das kjz in Ihrer Nähe zu wenden. Im Rahmen der Erzie­hungs­be­ra­tung werden kosten­los Bera­tungs­ge­sprä­che geführt und mode­riert.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie zusam­men eine für Sie alle gute Lösung finden.

Anita Mini­hof­fer (Sozi­al­ar­bei­te­rin) und das kjz-Team

Haben Sie eine Frage?

Haben Sie eine Frage zur Erzie­hung, zum Zusam­men­le­ben in der aktu­el­len Situa­tion oder ganz allge­mein zum Fami­li­en­le­ben? Das kjz-Team beant­wor­tet regel­mäs­sig Fragen in der «kjz-Sprech­stunde».