Das sagt die biz-Expertin

Auf Sinnsuche im Beruf

Wer Sinn empfin­det, über­nimmt mehr Verant­wor­tung, ist zufrie­de­ner, enga­giert sich mehr und hat deut­lich weniger Fehl­tage. Das zeigen Studien. Was hilft, dass sich unsere Arbeit sinn­voll anfühlt? Diese Frage wird Mirella Vella, Lauf­bahn­be­ra­te­rin im biz Uster, in ihren Bera­tun­gen oft gestellt.

Mirella Vella, wann fühlt sich eine Arbeit sinn­voll an?
Das Thema «Sinn» ist komplex und wie so oft gibt es dafür kein Patent­re­zept. Die Frage ist daher meist ein länge­rer Prozess, eine vertiefte Ausein­an­der­set­zung mit sich selbst. Gene­rell lässt sich sagen: Das Geld ist es nicht. Mehr Lohn führt nicht zwin­gend zu mehr Sinnerle­ben im Beruf, das zeigt die Forschung.

Vier sinn­stif­tende Merk­male im Beruf

  1. Meine Arbeit hat nach meinem Empfin­den für andere oder für die Gesell­schaft eine Bedeu­tung.
  2. Was ich tue, passt zu mir.
  3. Hinter den Zielen meiner Tätig­keit und meines Unter­neh­mens kann ich stehen.
  4. Ich fühle mich durch meine Arbeit zuge­hö­rig und wert­ge­schätzt.

Nach Tatjana Schnell, Profes­so­rin für Exis­ten­zi­elle Psycho­lo­gie

Was ist es dann?
Sinn ist subjek­tiv. Es geht um Fragen wie: Was ist mir wichtig? Wofür möchte ich meine Zeit und Energie einset­zen? Hier kommen wir alle auf unter­schied­li­che Antwor­ten. Für die einen ist es sinn­stif­tend, wenn sie mit ihrer Arbeit Menschen helfen können, für die anderen, wenn sie in der Natur arbei­ten. Einige brau­chen dazu einen möglichst klaren Aufga­ben­be­reich, andere Gestal­tungs­spiel­raum oder die Möglich­keit zur Weiter­ent­wick­lung. Bei der Sinn­su­che geht es also darum, das Rich­tige und Wert­volle für sich selbst zu finden. So unter­schei­det sich der Sinn vom Glück, bei dem es in erster Linie um ange­nehme Gefühle geht. Sinn­haf­tig­keit hinge­gen kann auch mit Unan­ge­neh­mem verbun­den sein.

Gibt es dennoch einen gemein­same Nenner?
Die Sinn­for­sche­rin Tatjana Schnell defi­niert vier Merk­male, die sinn­stif­tend sind für Beruf und Arbeit: 1. Meine Arbeit hat nach meinem Empfin­den für andere oder für die Gesell­schaft eine Bedeu­tung, 2. was ich tue, passt zu mir, 3. hinter den Zielen meiner Tätig­keit und meines Unter­neh­mens kann ich stehen und 4. ich fühle mich durch meine Arbeit zuge­hö­rig und wert­ge­schätzt. Je mehr Merk­male abge­deckt sind, desto sinn­vol­ler fühlt es sich für uns an.

Es ist wohl nicht in allen beruf­li­chen Tätig­kei­ten gleich einfach, diese Krite­rien abzu­de­cken.
Das ist richtig. Doch kaum jemand deckt ein umfas­sen­des Sinnerle­ben nur über die Arbeit ab. Persön­li­ches Sinnerle­ben findet auch in der Familie statt, im Freun­des­kreis, beim Ausüben von Hobbys, in der Natur oder durch ehren­amt­li­che Tätig­kei­ten. Es gibt unzäh­lige andere Sinn­quel­len, die Forschung bestä­tigt deren sechs­und­zwan­zig. Diese können sich wiederum positiv auf den Beruf auswir­ken.

Fünf Berei­che mit Quellen für Sinnerle­ben

  1. Heraus­for­de­rung, Entwick­lung, Leis­tung, Frei­heit, Wissen, Krea­ti­vi­tät, Macht, Indi­vi­dua­lis­mus
  2. Gene­ra­ti­vi­tät (etwas von blei­ben­dem Wert erschaf­fen), Natur­ver­bun­den­heit, sozia­les Enga­ge­ment, Selbst­er­kennt­nis, Gesund­heit
  3. Gemein­schaft, Harmo­nie, Fürsorge, Spass, bewuss­tes Erleben, Liebe, Well­ness
  4. Moral, Tradi­tion, Vernunft, Boden­stän­dig­keit
  5. expli­zite Reli­gio­si­tät, Spiri­tua­li­tät

Nach Tatjana Schnell, Profes­so­rin für Exis­ten­zi­elle Psycho­lo­gie

Dennoch, wie wichtig ist es, dass wir auch bei der Arbeit Sinn empfin­den?
Das Sinn­emp­fin­den sagt tatsäch­lich den gröss­ten Teil des Enga­ge­ments vorher: Wer Sinn empfin­det, über­nimmt mehr Verant­wor­tung, ist zufrie­de­ner, enga­giert sich mehr und hat deut­lich weniger Fehl­tage. Das ist auch für das Unter­neh­men inter­es­sant, da es sich direkt in Umsatz und Erfolg umschla­gen kann.

Kommt die Sinn­frage in Ihren Bera­tun­gen oft auf?
Ja. Die Arbeit ist in unserer Kultur ein ausge­spro­chen wich­ti­ger Lebens­be­reich und wir verbrin­gen eine Menge Zeit damit. Gleich­zei­tig wandelt sich vieles wahn­sin­nig schnell, wir müssen uns laufend aktuell halten. Ausser­dem gibt es in der Schweiz mitt­ler­weile über 2200 Berufe und Berufs­funk­tio­nen sowie 24‘000 Ange­bote im Aus- und Weiter­bil­dungs­be­reich! In dieser Fülle die eigene, sinn­stif­tende Rich­tung zu finden, ist anspruchs­voll. Und wenn immer mehr Prozesse digital ablau­fen oder von Spar­mass­nah­men betrof­fen sind, kann auch einmal der Gedanke aufkom­men: Das ist ja gar nicht mehr der Beruf, den ich einst gewählt habe – wieso mache ich das eigent­lich?

Persön­li­ches Stand­ort­ge­spräch im biz

Sie möchten sich mit dem Thema «Sinn­erfül­lung im Beruf» weiter ausein­an­der­set­zen? Ihren Sinn­quel­len auf die Spur kommen? Einen ersten indi­vi­du­el­len Lauf­bahn­check machen? Melden Sie sich für ein persön­li­ches Stand­ort­ge­spräch.

Was kann ich vom biz erwar­ten, wenn ich nach mehr Sinn bei der Arbeit suche?
Wir gestal­ten unsere Bera­tun­gen immer indi­vi­du­ell und aufgrund der persön­li­chen Frage­stel­lung. Meist ist die erste Bera­tung der Anfang eines länge­ren Prozes­ses. In der Regel beginnt sie mit einer Stand­ort­be­stim­mung: Wo stehe ich? Bin ich richtig auf Kurs? Wo gab es allen­falls Verän­de­run­gen, die nicht mehr stimmen für mich? Aufgrund der eigenen Inter­es­sen, Werte und Fähig­kei­ten versu­chen wir dann, dem Sinn­po­ten­zial auf die Spur zu kommen. Wir setzen auch verschie­dene diagnos­ti­sche Tests und Arbeits­mit­tel ein. Selbst­er­kennt­nis hilft, den eigenen inneren Kompass zu richten und «sinn­wärts» zu gehen. Häufig planen wir dann gemein­sam kurz- und länger­fris­tige Ziele.

Kurz­fris­tige Verän­de­run­gen: z. B. inter­ner Funk­ti­ons­wech­sel, inter­ner Stel­len­wech­sel, neuer Verantwortungsbereich

Länger­fris­tige Verän­de­run­gen: z. B. beruf­li­che Neuori­en­tie­rung, umfas­sende Weiter­bil­dung

So ein Wechsel bedingt auch Ressour­cen, allein finan­zi­ell.
Das ist richtig. In der Lauf­bahn­be­ra­tung infor­mie­ren wir daher auch zu Fragen rund um die Finan­zie­rung, etwa zu Stipen­dien und Darle­hen. Anstelle eines radi­ka­len Berufs­wech­sels gibt es aber auch klei­nere Möglich­kei­ten für Verän­de­rung. Beispiels­weise das Job Enrich­ment oder Job Enlar­ge­ment, Weiter­bil­dun­gen oder eine Teil­selbst­stän­dig­keit. Auch kann der Fokus auf ausser­be­ruf­li­che Sinn­quel­len gelegt werden, zum Beispiel durch eine persön­li­che Weiter­bil­dung, mehr Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten oder mit sozia­len Kontak­ten. So entschied sich einmal einer meiner Kunden dazu, sein Pensum zu redu­zie­ren, um mehr Zeit in der Natur verbrin­gen zu können.

Hilf­rei­che Fragen

  • Was waren meine Ziele, als ich meinen Beruf gewählt hatte?
  • Welche Ziele haben sich erfüllt, welche nicht?
  • Welchen Nutzen hat meine Arbeit für andere?
  • Was ist mir beson­ders wichtig im Beruf und im Privat­le­ben?
  • Wann empfinde ich beson­dere Freude?

Zeich­net sich ein Trend hin zu mehr Sinn­su­che ab?
Ich arbeite mitt­ler­weile seit über zwanzig Jahren als Lauf­bahn­be­ra­te­rin. In all diesen Jahren war die Sinn­frage stets ein wich­ti­ges Anlie­gen der Ratsu­chen­den. Studien zeigen aber tatsäch­lich einen Trend zu mehr Sinn­su­che während der Pande­mie­jahre. Diese Jahre führten zu viel Wandel und Unsi­cher­heit, was womög­lich die Ausein­an­der­set­zung mit Fragen nach Sinn ange­regt hat. Abge­se­hen davon leben wir aber auch in einer Multi­op­ti­ons­ge­sell­schaft, wir haben überall unzäh­lige Möglich­kei­ten, nicht nur im Beruf! Ich denke, auch das stärkt den Wunsch nach Orien­tie­rung und nach Quellen, die für uns wichtig und wert­voll sind.

Mirella Vella ist Fachpsychologin für Laufbahn und Personalpsychologie und eidgenössisch diplomierte Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin.

Mirella Vella

Mirella Vella ist Fachpsychologin für Laufbahn- und Personalpsychologie FSP und eidgenössisch diplomierte Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin. Sie ist seit 2001 im biz Uster tätig und führt daneben eine eigene Praxis in Zürich.


Drei Perso­nen, drei Verän­de­run­gen

Illustration eines Mannes, der sagt: Der Wechsel brachte mir genau das, was mir im Arbeitsalltag gefehlt hatte: das Unvorhergesehene.

Vom Chemie­la­bo­ran­ten zum Biblio­the­kar und Infor­ma­ti­ons­spe­zia­lis­ten: Mirko Bach arbei­tete während fünf Jahren im Labor. Die Chemi­ka­lien zisch­ten und brodel­ten, die natur­wis­sen­schaft­li­che Welt war faszi­nie­rend. Und doch glichen sich die Tage zuneh­mend. Das Unplan­bare fehlte. Heute ist er Biblio­the­kar und Infor­ma­ti­ons­spe­zia­list.

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Von der Projekt­lei­te­rin bei einer Versi­che­rung hin zur Sozia­len Arbeit: Ilenia Peluso arbei­tete bei einer Werbe­agen­tur und leitete anschlies­send ein zehn­köp­fi­ges Team als «Head of Brand» bei einer Versi­che­rung. Der Lock­down und eine beruf­li­che Begeg­nung mit jungen geflüch­te­ten Menschen gaben den Anstoss zu viel Refle­xion und einem radi­ka­len Neuan­fang. Heute studiert sie Soziale Arbeit.

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Vom Leiter Marke­ting zum Coach und Komple­men­tär­the­ra­peu­ten: Benja­min Karrer leitete als ausge­bil­de­ter Ökonom die Marke­ting­ab­tei­lung eines Unter­neh­mens in der Ener­gie­ver­sor­gung. Er war zustän­dig für die Marke­­ting-Kommu­­ni­­ka­­tion und den Aufbau eines inter­nen Start-ups. Bis er merkte, dass er ein neues Kapitel aufschla­gen möchte. Ein Herzens­ent­scheid. Heute coacht er Führungs­kräfte als Selbst­stän­dig­er­wer­ben­der und ist daneben 50 Prozent Haus­mann.